Probleme und neue Entwicklungen in der Umfrageforschung

Arbeitsgruppe 2: Probleme und neue Entwicklungen in der Umfrageforschung als eine empirische Grundlage der Wahlforschung. Wie kommt man an die Menschen und ihre Meinungen/Abstimmungsverhalten? Was können/müssen Wahlforscher sonst noch berücksichtigen?

(10.05.2021) Am 22. Dezember 2019 wurde dieser interessante Artikel zu Ihrem Thema, vor allem mit Blick auf die nicht unumstrittene Rolle der Wahlforschungsinstitute, veröffentlicht:

➔ Lukas Brenner (2019): Wen frag ich denn heute?, in: KATAPULT. Magazin für Kartografie und Sozialwissenschaft: »Wahlforscher haben einen guten Ruf – dieser ist jedoch nicht immer gerechtfertigt. Einige Institute verwenden umstrittene Methoden und sind politisch nicht neutral.«

Und zu dem Thema Telefonumfragen habe ich diese neue Veröffentlichung für Sie gefunden:

➔ Christian Strippel & Martin Emmer (2021)*: Stichproben für Telefonbefragungen in Deutschland: Ein Werkstattbericht

* Erscheint in: Jünger, J., Gochermann, U., Peter, C., & Bachl, M. (Hrsg.) (2021). Grenzen, Probleme und Lösungen bei der Stichprobenziehung (= Methoden und Forschungslogik der Kommunikationswissenschaft, Band 17). Köln: Halem, 2021

(03.05.2021) Hier eine interessante neuere Veröffentlichung zu Grundfragen der Umfrageforschung – wie sieht das aus mit den Umfragemethoden?

➔ Sabine Pokorny und Jochen Roose (2020): Die Eignung von Umfragemethoden. Methodische Einschätzung, Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung, November 2020:
»Oft sind die Ergebnisse von Umfragen mit „repräsentativ“ beschrieben. Damit erheben sie den Anspruch, das Stimmungsbild richtig abzubilden. Ob dieser Anspruch gerechtfertigt ist, hängt vom Erhebungsdesign ab. Denn je nach Art der durchgeführten Umfrage, sind die Ergebnisse unterschiedlich verlässlich. Worauf muss man achten? Welche Aspekte sind wichtig, um die Qualität der Erhebung zu beurteilen?«

Wir haben ja immer wieder gehört, dass die „längerfristigen Bindungen“ der (potenziellen) Wähler an Parteien eine besondere Rolle spielen, wenn die Umfrageinstitute die Ergebnisse gewichten, die dann beispielsweise bei den Sonntagsfragen veröffentlicht werden (und leider ist das konkrete Vorgehen der Gewichtung bzw. Bereinigung der reinen Umfrageergebnisse dann ein. Betriebsgeheimnis des jeweiligen Instituts, so dass man das glauben kann oder nicht). Was weiß man in der Wahlforschung über diese längerfristigen Bindungen? Durchaus plausibel ist die Annahme, dass das eine Menge auch mit Gefühlen zu tun hat, mit emotionalen Bindungen an die Parteien. Dazu diese neue Studie:

➔ Viola Neu (2021): Des Wählers Herz. Emotionale Parteienbewertung aus repräsentativen und qualitativen Umfragen, Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung, 2021

»In einer repräsentativen Umfrage kann sich die große Mehrheit der Wählerinnen und Wähler vorstellen, mehrere Parteien zu wählen. Nur wenige Wählerinnen und Wähler haben keine alternative Wahlpräferenz. Bezogen auf die Anhängerschaften können sich zwischen 24 Prozent (der SPD-Wählerinnen und -Wähler) und 33 Prozent (der CDU-Wählerinnen und -Wähler) vorstellen, nur eine Partei zu wählen. Den größten Anteil von Anhängerinnen und Anhängern ohne Zweitwahlabsicht hat mit 50 Prozent die AfD.
Bei den Anhängerinnen und Anhängern der Union könnten Grüne und FDP von der alternativen Wahlabsicht profitieren. In der SPD-Anhängerschaft liegen Grüne und Union bei den Zweitwahlabsichten vorn. In der AfD- und der FDP-Anhängerschaft gibt es die größte Zweitpräferenz zugunsten der Union. In der Anhängerschaft der Linken liegen Grüne und Sozialdemokraten bei der alternativen Wahlabsicht vorn, bei den Grünen-Wählerinnen und -Wählern tendieren die meisten zur SPD. Union und Linke könnten leicht profitieren.
Bei in Tiefeninterviews getesteten Begriffen – die nicht repräsentativ sind – ergeben sich einige unerwartete Befunde. Viele Begriffe werden parteipolitisch klar zugeordnet. Andere Begriffe wecken keine Assoziationen mit Parteien. Mit den Begriffen populistisch und liberal können besonders viele Befragte nichts anfangen, wobei bei liberal häufig die FDP genannt wird. Die Begriffe christlich und konservativ werden stark mit der CDU in Verbindung gebracht, wobei konservativ ein eher negatives Image hat. Den Begriff Mitte teilen sich CDU und SPD, die SPD wird häufig genannt, wenn nach bürgerlich gefragt wird. Bei dem Begriff „Nazi“ denken Befragte an AfD und NPD. Die Grünen werden erwähnt, wenn nach nachhaltig gefragt wird.
Die emotionale Verortung der Parteien spaltet das Parteiensystem in die Anhängerinnen und Anhänger der AfD und aller übrigen Parteien. Alle Anhängerinnen und Anhänger bewerten ihre eigene Partei positiv. In allen Anhängerschaften wird die AfD mit den Begriffen Angst, Empörung, Wut und Verzweiflung in Verbindung gebracht, außer selbstverständlich bei den Anhängerinnen und Anhängern der AfD. Bei einigen Abweichungen im Detail verbinden Anhängerinnen und Anhänger ihre eigene Partei mit den Wörtern Hoffnung, Sicherheit, Vertrauen, Zuversicht und Zufriedenheit. Diese positiven Emotionen weckt auch die AfD in ihrer Anhängerschaft. Alle anderen Parteien werden von den AfD-Anhängerinnen und -Anhängern mit Angst, Empörung, Wut und Verzweiflung assoziiert.«

(01.05.2021) In dieser ersten Materiallieferung finden Sie einige schon etwas ältere Materialien zu Ihrem Thema:

Deutschlandfunk Kultur: Meinungsforschung in der Krise: So denkt Deutschland – wirklich? (14.01.2019): Dank des Internets lassen sich Meinungsumfragen heute schnell und billig durchführen wie nie. Das hat Folgen. Eine regelrechte Inflation der Umfragen – und einen heftigen Streit über die Frage: Wie repräsentativ sind Online-Umfragen?

Über die Herausforderungen der Meinungsforschung durch Online-Umfragen und das Unternehmen Civey wird schon seit längerem diskutiert. Dazu zwei Quellen:
➔ Deutschlandfunk: Methodenstreit der Meinungsforschung Was ist repräsentativ? (03.12.2018): Die Zahl der Politik-Umfragen nimmt stetig zu – die Nachfrage von Medien und Politik ebenfalls. Doch die klassischen Meinungsforscher wehren sich gegen die wachsende Konkurrenz aus dem Netz: Die Methoden der Online-Umfrageinstitute seien nicht seriös – es werde teils gefährlich Stimmung gemacht. Jetzt ist der Streit vor dem Presserat.
➔ Deutschlandfunk: Presserat billigt Civey-Umfrage (05.12.2018): Jeden Tag erscheinen in Medien neue Umfragen – erstellt von klassischen Meinungsforschern und neuen Konkurrenten aus dem Netz. Aber müssen Redaktionen prüfen, wie deren Ergebnisse zustandekommen? Der Presserat hat sich im Falle einer Umfrage des Anbieters Civey nun dagegen entschieden.

➔ Deutschlandfunk: Wie Wahlumfragen politische Kultur beeinflussen (05.07.2017): Meinungsumfragen sind wichtiger denn je, sie können Wahlen beeinflussen und Politiker- Karrieren bestimmen. Doch immer öfter gilt: Bis zur Wahl wird die Sonntagsfrage gerne als Tatsache präsentiert – und danach werden die Schuldigen dafür gesucht, warum sie nicht stimmte.
➔ Deutschlandradio Kultur: Dem Wähler auf der Spur. Wie Wahlforschung die Politik beeinflusst (05.08.2013): Die Zeiten, in denen ein Politiker am Wahltag die Rechnung präsentiert bekommen hat, sind lange vorbei. Ständig werden durch Meinungs- und Wahlforschung Rückmeldungen aus der Wählerschaft generiert. Immer differenzierter wird das Bild davon, wer wem und warum seine Stimme gibt oder geben will. Wie kommen die Forscher zu ihren Ergebnissen. Und worin besteht ihr Nutzen? Positiv gesehen sind das für die Parteien wertvolle Hinweise, welche Themen die Bürger wirklich beschäftigen und wie sie der Bevölkerung die entsprechenden Lösungen am besten vermitteln können. Aber die beständige Erforschung der Wählerbefindlichkeit birgt auch beträchtliches Konfliktpotenzial – führt vielleicht zu Populismus statt Innovation. Und: Der einzelne Politiker gerät in Gefahr, vom Macher zum Getriebenen zu werden.

Verwählt, DER SPIEGEL, Heft 8/2013: Im Bundestagswahlkampf werden weniger die Inhalte zählen als die Stimmungsbarometer. Entsprechend wächst die Macht der Meinungsforscher, die zwischen Konkurrenzdruck, Deutungsgrößenwahn und Manipulationsverdacht schwanken.

Gibt es auch positive Berichte, wird sich der eine oder andere fragen?

Wahlumfragen sind besser als ihr Ruf (13.03.2018): Prognosen für den Ausgang von Wahlen stehen im Ruf, immer schlechter zu werden. Eine Auswertung von 30.000 Umfragen der vergangenen 76 Jahre aber beweist das Gegenteil.

➔ Andrea Wolf: Wahlumfragen – über Unterschiede und Kritik (20.09.2017): Sonntagsfrage, Prognose und Hochrechnung: Die Zahlen der Demoskopen sind vor Wahlen heiß begehrt. Andrea Wolf von der Forschungsgruppe Wahlen erklärt, wie Meinungsforscher auf ihre Ergebnisse kommen und was man bei der Interpretation der Zahlen beachten sollte.