Pflegeheime

Pflegeheime als „Todesfallen“ in der Corona-Krise? Konzepte und Ambivalenzen der Schutzkonzepte für Bewohner und das Personal

(14.07.2020) Ein interessanter Ansatz aus der Praxis:
„Rooming-in“ im Seniorenzentrum Bethanien: Neues Konzept ermöglicht Demenz-Kranken die Aufnahme trotz Corona-Quarantäne: »Demenzkranke und ihre Angehörigen gehören zu den Menschen, die durch die Corona-Pandemie besonders benachteiligt und extrem belastet sind. Wenn es um die Neuaufnahme in ein Pflegeheim geht, in dem zu Beginn 14 Tage Quarantäne einzuhalten sind, fallen sie aufgrund des intensiven Betreuungsbedarfs durch das Raster und ein Einzug in das neue Zuhause wird fast unmöglich. Das Senioren- und Pflegezentrum Bethanien nimmt sich dieser Problematik an und geht mit dem Angebot des „Rooming-in“ völlig neue Wege: Bewohner mit demenzieller Erkrankung können nun zusammen mit einer Begleitperson, die nach 14-tägiger Quarantäne das Heim wieder verlässt, im Doppelzimmer aufgenommen werden.

(06.07.2020) Hier ein längere Deutschlandfunk Kultur-Reportage über die Situation in Pflegeheimen in Corona-Zeiten:

➔ Deutschlandfunk Kultur: Corona im Altenheim – „Manchmal denke ich, es ist Krieg“ (05.07.2020): »Vor Corona gab es in einem Alten- und Pflegeheim in der Nähe von Heidelberg regelmäßig Modenschauen, Bastelstunden und Ausflüge. Seit März werden alte Menschen von der Welt und voneinander abgeschottet. Was macht das mit ihnen?«
➞ Die Reportage direkt als Audio-Datei.

(06.07.2020) Hier ein kurzer Beitrag des NDR-Fernsehens*: Corona und die Folgen für Demenzerkrankte: »Auch in Zeiten von Corona: Demenzerkrankte brauchen Nähe und Kontakt, sonst nimmt ihre Gehirnleistung ab. Erst seit Juni ist der begrenzte Besuch von Angehörigen in Heimen wieder möglich.«

*) Beitrag nur bis zum 13.07.2020 in der Mediathek als Video verfügbar

(06.07.2020) Ein ganz schwieriges Thema – Gewalt in der Pflege. Hierzu der Hinweis auf dieses Interview in der Süddeutschen Zeitung:

„Die Struktur begünstigt Gewalt in den Heimen“: »Pflegende quälen Menschen, die sie eigentlich schützen sollten. Warum es immer wieder zu solchen Übergriffen kommt, erklärt Pflegewissenschaftler Jürgen Osterbrink.«

(05.07.2020) Ein Artikel aus der Ärzte Zeitung: „Erst waren wir die Helden und nun die Gefängniswärter“: »Das Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein hält die harsche Kritik an Pflegeheimen für ungerechtfertigt und fordert Rückendeckung von der Politik. Nicht überall seien Besuchsrechte gleich umsetzbar.«

(01.07.2020) Ende der Isolation: Besuche im Altenheim (fast) ohne Verbote: »Seit Mittwoch (01.07.2020) können Bewohner von Altenheim in NRW wieder Besucher auf ihren Zimmern empfangen. Damit fällt eines der letzten Verbote, die das NRW-Gesundheitsministerium im März zum Schutz der Bewohner vor Corona-Infektionen ausgesprochen hat. Bereits eineinhalb Wochen zuvor war das strikte Verbot von Umarmungen aufgehoben worden.«

Die Verordnung zu den Pflegeheimen für Rheinland-Pfalz hatte ich Ihnen ja schon verlinkt, hier nun die aus Nordrhein-Westfalen:

Schutz von Pflegeeinrichtungen vor dem Eintrag von SARS-CoV-2-Viren unter Berücksichtigung des Rechts auf Teilhabe und sozialer Kontakte der pflegebedürftigen Menschen. Allgemeinverfügung des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (CoronaAVPflegeundBesuche). Vom 19. Juni 2020

(27.06.2020) Eine wichtige Aktualisierung zu Ihrem Thema – das Land Rheinland-Pfalz hat die Regelungen die Heim betreffend zum 1. Juli weiter gelockert. Bitte für Ihre Ausarbeitung berücksichtigen:

➔ Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz: Neue Regelungen für Einrichtungen der Pflege und der Eingliederungshilfe ab 1. Juli, 26.06.2020: »Die Corona-Infektionszahlen in Rheinland-Pfalz befinden sich aktuell auf einem niedrigen Stand, so dass derzeit von einer deutlich geringeren Gefährdungslage ausgegangen werden kann, als noch vor wenigen Wochen. Die aktuell geltenden Verordnungen für Einrichtungen der Pflege und der Eingliederungshilfe laufen, wie geplant, am 30. Juni aus, so dass vor diesem Hintergrund die Maßnahmen bei den Einrichtungen der Pflege und der Eingliederungshilfe neu bewertet wurden.«

Dazu auch dieser Beitrag des SWR:
Neue Lockerungen für Pflegeeinrichtungen (26.06.2020): »Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus sind aktuell niedrig. Deshalb plant die rheinland-pfälzische Landesregierung ab Juli Lockerungen für Pflegeeinrichtungen.«

Am 22. Juni wurde aus unserem Nachbarland Nordrhein-Westfalen das hier mitgeteilt:
Corona-Regeln für Besuche in Pflegeheimen gelockert: »Das NRW-Gesundheitsministerium hat die Corona-Regeln für Besuche in Pflegeheimen gelockert und erlaubt ab sofort wieder ausdrücklich körperlichen Kontakt wie etwa Umarmungen. Das teilte das Ministerium am Samstag mit.«
Es ist alles wirklich nur traurig – „ab sofort sind auch wieder Umarmungen erlaubt“. Man muss das erst einmal sacken lassen.

Und hier ein weiterer kurzer Radiobeitrag zum Thema Pflegeheime in Corona-Zeiten:
➔ DLF: Abstandsregeln im Pflegeheim – Das Leiden von Demenzkranken (24.06.2020)

(21.06.2020) Hier zum einen der Hinweis auf eine Sendung des Deutschlandfunks zu Ihrem Thema:

➔ DLF: Weitgehend isoliert. Der Corona-Alltag in den Alten- und Pflegeheimen (17.06.2020)

Und einen Tag vorher gab es diesen Beitrag im Politikmagazin „Report Mainz“ (ARD):

➔ Report Mainz: Warum Menschen mit Demenz oder geistiger Behinderung unter Corona-bedingter Isolation leiden(16.06.2020): »Die meisten Pflegeheime und betreuten Wohnstätten lockern allmählich ihre Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen. Doch für viele Demente oder geistig behinderte Menschen reichen sie nicht – oder kommen zu spät.
Pflegeheime und Einrichtungen für geistig behinderte Menschen lockern allmählich die Kontaktsperren für ihre Bewohner nach mehreren Monaten teilweise striktester Isolierung und Besuchsverbote. Bewohner wie Angehörige haben unter diesen Auflagen oft sehr gelitten, vor allem dann, wenn Betroffene aufgrund von Demenz oder geistiger Behinderung den Grund für die Kontaktsperre nicht verstehen konnten.
Und auch wenn Besuche nun wieder möglich sind, müssen Angehörige oft einen Sicherheitsabstand wahren – für die geistig behinderte Jenni eine Qual, für die Körperkontakt auch eine Form der Kommunikation mit ihren Eltern ist. Bettina Hoffmann hat ihren dementen Mann gar nicht erst ins Pflegeheim gebracht – aus Angst, dass ihm die vorgeschriebene Isolation und das Besuchsverbot psychisch zu sehr schaden würden. Die Alternative heißt: zuhause pflegen. Doch das ist oft eine große Belastung für Angehörige. Psychologen warnen, dass Einrichtungsleiter viel mehr die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Familien in den Blick nehmen müssen. Doch auch Heimbetreiber stehen vor einem Dilemma. Sie müssen abwägen zwischen dem Infektionsschutz aller auf der einen Seite und den psychischen Folgen dieses Schutzes für den einzelnen auf der anderen Seite.«

(13.06.2020) Hinsichtlich des Blicks über den nationalen Tellerrand wurde hier ja schon explizit auf Italien und Schweden verwiesen. Hier nun der erschreckende Blick nach Spanien:

„Ein echter Skandal, wenn nicht ein Verbrechen“: »In keinem europäischen Land sind so viele Menschen in Alten- und Pflegeeinrichtungen mit Covid-19 gestorben wie in Spanien. Angehörige erheben nun schwere Vorwürfe gegen die Regierung.«

(13.06.2020) Wie ist das eigentlich mit dem MDK, also der Institution, von der nicht nur die Einstufung der Pflegebedürftigkeit gemacht wird, sondern die auch für die Qualitätskontrolle der Heime und Pflegedienste zuständig ist? Hierzu ein Interview mit Johanna Sell*, stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin des Bereichs Pflege beim MDK Bayern, die sich Sorgen macht:

„Die Defizite im System Pflege treten jetzt deutlicher hervor“: »Das umfassende Lob während der Corona-Krise bildet die Realität in der Betreuung Pflegebedürftiger nur unzureichend ab, weiß Expertin Johanna Sell.«

*) Nein, nicht verwandt mit dem Dozenten.

(12.06.2020) Die Corona-bedingten Besuchsregelungen in Bremens Altenpflegeheimen sind die restriktivsten in ganz Deutschland: Das behauptet eine an die Bürgerschaft verfasste Petition, die eine Lockerung der Einschränkungen fordert:

Wie im Knast: »Bundesweit gibt es nirgends so strenge Besuchsregeln für Pflegeheime wie in Bremen. Die Sozialbehörde macht die Träger dafür verantwortlich.«

(12.06.2020) Schweden, immer wieder wird Schweden mit seinem Sonderweg genannt. Aber gerade da haben wir horrende Sterbezahlen in den Alten- und Pflegeheimen des Landes, folgt man der Berichterstattung. Dazu empfehle ich diesen Beitrag:

➔ Lisa Pelling: Sweden, the pandemic and precarious working conditions (10.06.2020): »Most commentary on the Covid-19 death toll in Sweden has been on the absence of lockdown, yet privatisation and precarity in eldercare should really be in the spotlight.«

(11.06.2020) Und hier der Blick über den nationalen Tellerrand am Beispiel eines Altenheims in Schottland, in dem es bislang keinen einzigen Corona-Fall gegeben hat:

‚We locked down early‘: the Scottish care home with no coronavirus: »How Eskgreen care home, a council-run facility in Musselburgh, near Edinburgh, responded to the Covid-19 pandemic.«

(11.06.2020) Zum allgemeinen Hintergrund der Diskussion über die Pflege und ihre Krise(n) hier der Hinweis auf diese Sendung des Hessischen Rundfunks:

➔ HR: Klatschen reicht nicht! Die doppelte Krise der Pflege (08.06.2020)
Kein Besuch von Angehörigen, kein Spaziergang, keine netten Kartenrunden. Das Virus hat unser aller Leben verändert, am drastischsten aber das der Risikogruppe der hochaltrigen und pflegebedürftigen Menschen. In der häuslichen Pflege brechen Unterstützungssysteme zusammen, Pflege- und Altenheimbewohner leiden unter der Isolation im Shutdown. Auch wenn erste Lockerungen ein wenig Erleichterung bringen, die Einschränkungen belasten die Situation enorm: Bewohner, Angehörige und Personal. Einmal pro Woche wird für die Pfleger und Pflegerinnen geklatscht, ansonsten lässt die öffentliche Aufmerksamkeit rapide nach. Nur kurz spülte die Virus-Krise die ohnehin schon krisenhafte Pflegesituation in das Licht der Öffentlichkeit. Wie wirken sich die Auflagen in den Pflege- und Altenheimen aus? Wie sehr müssen alte und pflegebedürftige Menschen durch Beschränkungen geschützt werden? Ist die Corona-Krise vielleicht sogar eine Chance für Pflegekräfte, endlich für angemessene Anerkennung und Bezahlung zu kämpfen und für die Politik, sie ihnen endlich zuzugestehen?

(11.06.2020) Mehrheit sieht deutliche Mehrbelastung der Mitarbeiter: »Die Corona-Pandemie hat zu einer deutlichen Mehrbelastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der stationären Pflege geführt. Das ist eines der Zwischenergebnisse einer Umfrage unter Geschäftsführenden und Vorständen unter anderem durch die BFS Service GmbH.
Für den Geschäftsbereich der stationären Pflege haben demnach fast 89 Prozent der befragten Leitungskräfte angegeben, dass diese Mehrbelastung durch außergewöhnlich hohes Engagement der Belegschaft aufgefangen wird. 36 Prozent haben angemerkt, dass durch diese Mehrbelastung die Krankenstände in der Belegschaft gestiegen sind. In circa 32 Prozent haben die Schutzmaßnahmen zu Spannungen zwischen den Bewohnern und der Belegschaft geführt. 11 Prozent geben Spannungen zwischen der Belegschaft und den Führungskräften an. Nur 6 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vermerken keine Mehrbelastung in ihrer Einrichtung.«

(11.06.2020) Es ist ein unglaubliches Dilemma, mit dem wir konfrontiert sind, wenn es um die Situation und die Schutzmaßnahmen in den Pflegeheimen geht. In den letzten Beiträgen hier auf dieser Seite haben Sie viel Kritik an den Abschottungsversuchen in den Pflegeheimen erfahren müssen. Aber auf der anderen Seite muss man auch solche Befunde zur Kenntnis nehmen – die aufzeigen, wie vulnerabel die Pflegebedürftigen sind:

COVID-19: Sterblichkeit unter Pflegebedürftigen fünfzigmal höher: »Die Sterblichkeit infolge einer Infektion mit SARS-CoV-2 ist unter Pflegebedürftigen mehr als fünfzigmal so hoch wie im Rest der Bevölkerung. Das geht aus einer Studie der Universität Bremen hervor, die auf einer Onlinebefragung von 824 Pflegeheimen, 701 Pflegediensten und 96 teilstationären Einrichtungen beruht.«

In dem Artikel wird eine Studie von Bremer Wissenschaftlern angesprochen. Auf deren Seite finden Sie diese Pressemitteilung vom 10.06.2020:
Ambulante Versorgung Pflegebedürftiger in Corona-Krise destabilisiert. Ergebnis einer bundesweiten Online-Befragung einer Bremer Forschergruppe

Aber auch das sollte man mitbedenken: SARS-CoV-2: Fast die Hälfte der infizierten Pflegeheimbewohner ist asymptomatisch: »Auch in Pflegeheimen, deren Bewohner zu den am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen gehören, verlaufen Infektionen mit SARS-CoV-2 häufig asymptomatisch oder mit atypischen Symptomen.«

(10.06.2020) Besuche in Pflegeeinrichtungen: „Ich möchte meine Frau wieder in die Arme nehmen“: »Als Sachsens Landesregierung das Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen aufgehoben hat, war die Freude bei Heimbewohnern und Angehörigen groß. Doch die Zugangsregelungen vor Ort werden von jeder Einrichtung selbst bestimmt. Für Bewohner und Besucher bringt das weiterhin große Einschränkungen mit sich.«

Und auf dieser Seite wurde bereits die sehr radikale ablehnende Haltung der Adelheid von Stösser von der „Pflegeethik-Initiative“ zitiert bzw. verlinkt. Die hat nun einen neuen Beitrag veröffentlicht:

➔ Adelheid von Stösser: Wie lange müssen Heimbewohner und Angehörige noch unter den Kontaktbeschränkungen leiden? (09.06.2020): »Wann werden die Grenzen in den Pflegeheimen für Angehörige geöffnet? Warum dürfen sich manche Heimbewohner außerhalb des Heimes bewegen, müssen jedoch in Quarantäne, wenn sie es wagen, mit einem Angehörigen spazieren zu gehen? Warum dürfen in einigen Heimen Angehörige mit Maske und Schutzkittel ins Bewohnerzimmer, während Angehörige anderenorts wie Aussätzige behandelt werden? Die Bandbreite sogenannter Hygiene-Verordnungen, die vorgeblich dem Schutz der Bewohner dient, ist ebenso groß wie willkürlich. Vor allem jedoch bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Schutzlos sind zigtausende alte Menschen dem Diktat herzloser Bestimmungen ausgeliefert. Seit 3 Monaten wenden sich verzweifelte Angehörige an uns und andere Vereine und Hilfsorganisationen.«

(08.06.2020) Mal was über Ihr Thema im engeren Sinne hinaus – was für die Ohren:

➔ DLF: Lieben im Altenheim – Bleib bei mir, denn es will Abend werden (03.06.2020): »Alt sein ist schlimm, und am schlimmsten im Heim. So heißt es doch. Oma sagte noch mit 65: Bevor ich zu alt werde oder zu krank, bringe ich mich um. Sind Altenheime trübe, überfüllte Orte der Dumpfheit, der Einsamkeit? Traurige letzte Häuser? Möglich, doch auch: Häuser, in denen Menschen wohnen und mit ihnen gute und schlechte Gefühle.«

(07.06.2020): Pflegeheime und Corona: Alte Menschen zwischen Schutz und Einsamkeit: »Für viele Menschen normalisiert sich der Alltag langsam: Man kann wieder Freunde treffen, Kneipen haben geöffnet, auch beim Reisen fallen die Corona-Schranken. Doch wie sieht es dort aus, wo die Menschen leben, die am stärksten gefährdet sind?«

Angehörige stellen verschlechterten Zustand bei Heimbewohnern fest: »In einer nicht repräsentativen Umfrage des Biva-Pflegeschutzbundes berichten Angehörige von weinenden und verstörten Pflegeheimbewohnern. Außerdem stellen sie eine Verschlechterung des psychischen und körperlichen Zustands ihrer pflegebedürftigen Eltern, Ehepartner oder Geschwister fest.«

Und auch bei unseren Nachbarn häufen sich die Berichte über Konflikte in und um die Pflegeheime. Hier ein Beispiel aus der Schweiz:
Der Kampf um den Besuch der dementen Ehefrau: »Er hat bei den höchsten Stellen beim Bund und im Kanton Aargau interveniert, aber es nützte alles nichts. Urs Hässig blieb aussen vor. Er konnte seine Frau (70) in einem Aargauer Pflegeheim wegen der Corona-Massnahmen nicht sehen. Und ein Besuch getrennt durch Plexiglas wollte er ihr und sich nicht zumuten. Die Frau ist schwer dement und auf die Besuche ihres Mannes angewiesen. Hässig befürchtete, seine Frau würde sterben, ohne dass er sie noch einmal lebend gesehen hätte. Nun lockert der Kanton Aargauer aber die Regeln. Ab Samstag, 6. Juni, sind Besuche in den Zimmern von Pflegeeinrichtungen wieder möglich. Und die Bewohnerinnen und Bewohner dürfen die Heime auch wieder verlassen. Im Gespräch mit SRF schildert Urs Hässig die schwierige Zeit.«

(06.06.2020) Anlaufstelle bei Konflikten zu Heimbesuchen: »Weil viele Heime trotz gelockerter Besuchsregeln noch restriktiv damit umgehen, hat Nordrhein-Westfalen eine „Dialogstelle“ etabliert«, berichtet die Ärzte Zeitung. „Wir bekommen bitterböse Briefe von Menschen, die sich über die stark eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten beschweren“, berichtete Laumann. Er kann beide Seiten in dem Konflikt verstehen. „Viele Verantwortliche in den Einrichtungen haben große Sorgen, dass das Virus in die Einrichtung kommt.“ So beschreibt der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Laumann (CDU) das offensichtliche Dilemma.

(04.06.2020) Bitte lesen und verarbeiten:
➔ Teseo La Marca: Covid-19: Ausgelieferte Altenheime: »Lange wurde über die hohe Sterberate in Italien gerätselt. Nun zeigt sich: Ein desaströses Missmanagement der Altenheime trieb die Covid-19-Opferzahlen in die Höhe – wohl nicht nur in Italien«

(03.06.2020) Traurige Überschrift – und mehr: Pflegeheime sind wieder für Besucher geöffnet: „Letztlich ist das ein Gefängnisbesuch“: »Seit vergangener Woche können Angehörige ihre Verwandten und Bekannten in Pflegeheimen wieder unter Sicherheitsauflagen besuchen. Die BNN haben bei den Alten- und Pflegeheimen im nördlichen Landkreis nachgefragt, wie es denn aussieht. Dabei zeigt sich: Es gibt auch Kritik an den Regelungen.«
Zu den vielen ganz praktischen Problemen vgl. auch diesen Artikel: Besuche in Karlsruher Pflegeheimen sind bei Demenz-Patienten besonders schwierig: »Die Lockerung des Besuchsverbots in Pflegeheimen hilft dementen Bewohnern und ihren Angehörigen nur bedingt. Hinter Plexiglas fällt die Erinnerung besonders schwer. Betroffene in Karlsruhe bezweifeln zudem die Sinnhaftigkeit der Isolierung.«

(25.05.2020) Heime als Corona-Profiteure: »Leiharbeitsfirmen für Pflegekräfte schwinden die Aufträge. Ihr Vorwurf: Einrichtungen unterschreiten die wegen Corona ausgesetzten Quoten.«

(23.05.2020) »Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will bald die Grundlage für mehr Tests auf das Coronavirus SARS-CoV-2 in Krankenhäusern und Pflegeheimen schaffen. „Mein Ziel ist es, noch im Mai eine Verordnung vorzulegen, die präventive Reihentests in Krankenhäusern und Pflegeheimen ermöglicht“, sagte er der Welt. Wenn Patienten und Bewohner aufgenommen oder verlegt würden, sollten SARS-CoV-2-Tests die Regel sein«, so dieser Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt: Spahn kündigt präventive Tests in Heimen und Kliniken an. Dazu auch die Ärzte Zeitung: Spahn will regelmäßige Corona-Tests in Kliniken und Heimen: »Bei Aufnahme oder Verlegung von Patienten und Bewohnern solle auf das neue Coronavirus getestet werden, kündigt Gesundheitsminister Jens Spahn an. Die Krankenhauslobby fordert wöchentliche Tests von Ärzten und Pflegern.«

(21.05.2020) Besuchszonen sollen Standard werden: »Bewohner von Pflegeheimen gehören meist zur Corona-Risikogruppe. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung will, dass jedes Heim sichere Besuchsmöglichkeiten zur Verfügung stellen muss.«

Eine sehr radikale, die Kontaktverbote und die zahlreichen Auflagen bei der Lockerung der Besuchsverbote ablehnende Position vertritt beispielsweise Adelheid von Stösser von der Pflegeethik Initiative. Bereits am 3. Mai 2020 hat sie einen Corona-Brandbrief veröffentlicht: »Besuchsverbote in Pflegeheimen sind unmenschlich und unverhältnismäßig. Sie sind daher sofort aufzuheben!«. Und vor dem Hintergrund der neuen Entwicklungen: »Zwar gab es Lockerungen der Besuchsverbote, jedoch mit teilweise so verrückten Auflagen, dass manch ein Bewohner seine Angehörigen gar nicht erkennt, auf die Distanz mit Mundschutz und noch einer Glasscheibe dazwischen. Berührungen sind absolut verboten.« Schreibt Sie in einer Rundmail und verweist auf diesen Artikel von ihr: Lockerung der Pflegehaftbedingungen (19.05.2020).

(13.05.2020) Pflegeheime in Zeiten von Corona: Wiedersehen am Besuchsfenster: In immer mehr Pflegeheimen dürfen Angehörige wieder ihren Verwandten besuchen. Für sie geht damit eine psychische Belastungsprobe zu Ende. Für die Heime beginnt aber eine organisatorische Herausforderung.

Und hier noch eine Ergänzung: Am 10.05 hatte ich hier einen Artikel gepostet zu den Vorkommnissen in einem Bremer Pflegeheim, dazu auch dieser Bericht: Schlamperei bei Pflegeheimkette: »In einem Bremer Pflegeheim der Alloheim-Kette sollen Hygienestandards wissentlich missachtet und Corona-Infektionen verspätet gemeldet worden sein.«

(12.05.2020) Hintergrundinformation für die Arbeitsgruppen ambulante Pflegedienste und Pflegeheime:
➔ Bundesagentur für Arbeit (2020): Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich, Nürnberg, Mai 2020
»2019 waren in Deutschland 1,7 Millionen Pflegekräfte in der Kranken- und Altenpflege sozialversiche-rungspflichtig beschäftigt. Die Beschäftigung ist weiter gewachsen.«

(12.05.2020) Tod, Trauer und Zusammenhalt: Altenpfleger und die neue Normalität: »Pflegekräfte bekommen gerade viel Lob für ihre Arbeit, müssen im Kampf gegen das Coronavirus aber auch herbe Kritik aushalten. In den vielerorts ohnehin von Personalmangel betroffenen Altenpflegeheimen sind die Beschäftigten mehr gefordert als je zuvor. Drei von ihnen erzählen vom neuen Alltag mit Virus, Masken, Distanzregeln – und Anfeindungen.«

(10.05.2020): Bremer Pflegeheim komplett unter Quarantäne: In einem Bremer Pflegeheim sind zwölf Bewohner positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden. Ärzte berichten von schlechten hygienischen Zuständen. Die Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) wird mit diesen Worten zitiert: „Die Einrichtung hat über das lange Maiwochenende mehrere Tage verstreichen lassen, bevor es Betroffene mit Symptomen an die Behörden gemeldet hat“, so die Sozialbehörde. „Damit ist wertvolle Zeit verstrichen, die Ausbreitung frühzeitig einzudämmen“, sagte Stahmann. Die Mitarbeiter des Hauses sollen entgegen der Empfehlungen der Wohn- und Betreuungsaufsicht (WBA), die Pflegeheime berät und kontrolliert, in der gesamten Einrichtung eingesetzt worden sein. Die Bewohner haben sich im ganzen Haus bewegen können. So könnten die Infektionsketten nun kaum mehr nachvollzogen werden, moniert die Sozialbehörde.

(10.05.2020) Wir haben in der Arbeitsgruppen-Besprechung über einen Heimbetreiber hier vor Ort gesprochen – der taucht auch in diesem Artikel der Lokalausgabe (Kreis Ahrweiler) der Rhein-Zeitung auf, wo über die anstehenden Lockerungen des Kontaktverbots in den Heimen berichtet wird:

Quelle: Rhein-Zeitung, Kreis Ahrweiler, 09.05.2020

(10.05.2020) Und noch ein Interview zum Thema Öffnung der Heime in Nordrhein-Westfalen: „Das Land hat etwas verkündet, aber die Verantwortung liegt bei mir“: »Pflegeheimbewohner in Nordrhein-Westfalen dürfen wieder Besuch empfangen. Andreas Plietker erklärt, warum er sich vom Vorgehen der Landesregierung überrumpelt fühlt und wie sein Heim Besuche ermöglicht.«

(09.05.2020) Besuche in Pflegeheimen schon ab heute wieder möglich, so eine Meldung des WDR: »Bewohner in nordrhein-westfälischen Alten- und Pflegeheimen dürfen ab … Samstag (09.05.2020) wieder Besuch bekommen. Zunächst hatte es geheißen, das seit Mitte März geltende Besuchsverbot wegen der Corona-Pandemie werde „zum Muttertag“, also Sonntag (10.05.2020), aufgehoben. Die Coronaschutzverordnung sei entsprechend geändert worden, bestätigte eine Sprecher des Gesundheitsministeriums am Freitagabend. „Das ermöglicht den Heimen, Besucherströme am Muttertagswochenende besser zu steuern und kann letztlich für eine Entlastung sorgen.“ Dabei würden aber strenge Hygienevorschriften und Auflagen gelten.« Sie wollen wissen, wie diese „strengen Hygienevorschriften aussehen? Lesen wir weiter: »Besucher müssen sich dabei einem sogenannten Kurzscreening unterziehen – und Fragen zum Gesundheitszustand und zu ihren Kontakten zu Covid-19-Patienten beantworten. Körperliche Untersuchungen, wie beispielsweise Fiebermessen, soll es nicht geben. In NRW gibt es mehr als 2.800 Pflegeheime mit 170.000 Bewohnern. In Heimen mit Corona-Infizierten sind Besuche weiter tabu.«

Und hier die in der Meldung angesprochene Landesverordnung im Original:
Verordnung zum Schutz vor Neuinfizierungen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 (Coronaschutzverordnung – CoronaSchVO). In der ab dem 7. Mai 2020 gültigen Fassung

(08.05.2020) Große Aufregung in Nordrhein-Westfalen über die angekündigte Öffnung der Pflegeheime: Pflegeheime in NRW können Besuchskonzepte nicht umsetzen: Nach der Lockerung des Besuchsverbots in Pflegeheimen dämpfen Einrichtungsträger Erwartungen auf ein problemloses Wiedersehen mit Angehörigen. Minister Laumann habe Hoffnungen geweckt, die man vielerorts nicht erfüllen könne.
Dazu auch diesen Artikel lesen: Altenheim-Leiter erheben schwere Vorwürfe: „Blitzöffnung kann Leben kosten“: Ab Sonntag dürfen die Bewohner der 2800 nordrhein-westfälischen Alten- und Pflegeheime wieder Besuch bekommen – unter strengen Hygieneauflagen. Während Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) die Maßnahme als wichtigen Schritt zur Normalität lobt, herrscht in Heimen und bei Angehörigen große Verunsicherung – und Angst. Für viele kommt die Öffnung der Heime zu früh. Sie fürchten massive Rückschläge im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Und generell zu der Thematik: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe: Einrichtungen vor großen logistischen Herausforderungen (07.05.2020): DBfK warnt vor zu schneller Öffnung der stationären Langzeitpflege für Besucher/innen / Mehr Schutzausrüstungen, mehr Pflegefachpersonen, mehr Tests und Konzept zur schrittweisen Öffnung der Heime gefordert.

Und dass die Pflegeheime überall ein tödlicher Hotspot der Corona-Krise sind, kann man auch diesem Artikel entnehmen, in dem über Schweden berichtet wird, wo man ja einen anderen Weg als in den meisten Ländern gegangen ist (also kein Shutdown wie bei uns oder in noch härterer Form in Italien, Spanien, Frankreich …): Jeder Zweite hat zuvor in einem Seniorenheim gelebt: Die Zahl der Toten in Schweden klettert auf mehr als 3000. Rund die Hälfte der Verstorbenen war älter als 70 und pflegebedürftig.

(07.05.2020) Hier weitere Materialhinweise. Das Politikmagazin Westpol (WDR-Fernsehen) hat über Ihr Thema berichtet – mit Blick auf Nordrhein-Westfalen:
➞ Westpol: Pflege in der Coronakrise (03.05.2020): »Seit Wochen gelten Besuchsverbote im Pflegeheim, um die Bewohner als Risikogruppe vor einer Corona-Ansteckung zu schützen. Doch der seelische Preis ist hoch: bei vielen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen machen sich Einsamkeit und Verzweiflung breit. Das Land arbeitet deshalb an Vorgaben, die Besuche wieder möglich machen können.«
Und dann der Hinweis auf diesen kurzen Artikel mit einer interessanten Idee:
Pflegeheim umgeht Besuchsverbot mit Besucherbox: Ein Seniorenpflegeheim des ASB Mannheim/Rhein-Neckar ermöglicht den Bewohnern trotz Kontaktverbots Besuch. Der Verband hofft auf Nachahmer.

(06.05.2020) Bremen: Heime bleiben isoliert: Eigentlich sollten Lockerungen des Kontaktverbots in Bremer Pflegeeinrichtungen beschlossen werden – allerdings wurden die Träger nicht einbezogen.

Anders die Entwicklung hier bei uns in Rheinland-Pfalz, aber auch mit Kritik (von der Opposition):

Rheinland-Pfalz hebt Besuchsverbot in Pflegeheimen auf: Bewohner von Alten- und Behindertenpflegeheimen in Rheinland-Pfalz sollen ab Donnerstag wieder Besuch empfangen dürfen. Wegen der Corona-Pandemie gelten aber weiterhin strenge Hygieneregeln.

(05.05.2020) »Bewohner von Alten- und Behindertenpflegeheimen in Rheinland-Pfalz sollen ab Donnerstag wieder Besuch empfangen dürfen. Wegen der Corona-Pandemie gelten aber weiterhin strenge Hygieneregeln.« Dazu diese Meldung des SWR: Rheinland-Pfalz hebt Besuchsverbot in Pflegeheimen auf. Allerdings gibt es in und zwischen den Heimen große Unterschiede und Unsicherheiten, dazu dieser FAZ-Artikel: Ein großes Flickwerk: Pflegeheime stehen den Öffnungen kritisch gegenüber. Es fehlt ein Plan, um die Bewohner wirklich zu schützen.

(04.05.2020) Zum Thema Kontaktverbote und der Diskussion über deren Lockerung in den Pflegeheimen hatte ich Ihnen ja schon mit dem letzten Beitrag hier Material zur Verfügung gestellt. Dies soll angereichert werden um die aktuelle Berichterstattung dazu, die heute in der Rhein-Zeitung veröffentlicht wurde. Hier der Artikel als PDF-Datei für die Arbeitsgruppe – schauen Sie sich auch mal genau die Reaktion des Gesundheitsministeriums des Landes an:

➔ Verbände klagen über „Freiheitsentzug“. Bewohner von Senioren- und Behinderteneinrichtungen leiden unter restriktiven Maßnahmen des Gesundheitsministeriums, in: Rhein-Zeitung, 04.05.2020, S. 3

(03.05.2020) Schutzkonzepte der Heime betreffen ja nicht nur die Bewohner, die da sind, sowie die Beschäftigten, die ständig rein und raus gehen. Und nicht nur möglich Besucher, wenn die Kontaktverbote gelockert werden. Sondern beispielsweise auch neue Bewohner oder wiederaufzunehmende Bewohner. Und dazu schauen Sie sich erst einmal diesen kurzen Fernsehbeitrag an:

➔ Zur Sache Rheinland-Pfalz (SWR-Fernsehen): Pflegeheime kritisieren Landesverordnung (30.04.2020): Eine Heimleiterin aus dem Hunsrück beurteilt einige Punkte der Landesverordnung für Alten- und Pflegeheime in der Corona-Zeit als unrealistisch. Demenzkranke beispielsweise könne man nicht einfach isolieren. Erforderlich seien hingegen vorsorgliche Corona-Tests ➔ Video

Und hier ist sie im Original, die im Beitrag kritisierte Verordnung des Landes:
➔ Landesverordnung zur Regelung von Neu- und Wiederaufnahmen von Personen in Einrichtungen nach den §§ 4 und 5 des Landesgesetzes über Wohnformen und Teilhabe sowie in weiteren Einrichtungen zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung des Coronavirus (15.04.2020) ➔ PDF-Datei

(03.05.2020) Ein derzeit äußerst umstrittenes und unglaublich schwieriges Thema sind die Besuchsverbote, die in vielen Pflegeheimen zu einer rigorosen Abschottung gegenüber den Angehörigen und anderen potenziellen Besuchern geführt haben. Nun gibt es immer öfter Bestrebungen, das rigide Kontaktverbot zu lockern. Dazu diese beiden Hinweise:

Pflege-Arbeitgeber warnen vor Lockerungen in Altenheimen: Betreiber privater Altenheime fürchten bei gelockerten Besuchsregeln ein „Spiel auf Leben und Tod“ mit den Bewohnern. Patientenschützer warnen dagegen vor „organisierter Freiheitsberaubung“.
Hessische Heimbetreiber: Besuchsregeln zu rasch gelockert! Zu wenig Zeit zur Umsetzung, zu wenig Personal und zu wenig Schutzmasken – bpa und Wohlfahrt fühlen sich von Bouffier überrumpelt.

In der Süddeutschen Zeitung wurde am 30.04.2020 dieser Artikel von Anna Hoben veröffentlicht: „Schutz wird zur Gefahr“. Darin wird die These vertreten, dass sich der Zustand vieler Heimbewohner durch die Isolation verschlechtern würde. Hier der Artikel:
»Es ist durchaus paradox: Alte Menschen sollen in der Corona-Krise besonders vor einer Ansteckung geschützt werden, sie gehören zur Hochrisikogruppe. In bayerischen Altenheimen gilt deshalb seit einem Monat ein strenges Besuchsverbot. Doch ausgerechnet diese Schutzmaßnahme führt nun dazu, dass sich der körperliche und geistige Zustand vieler Bewohnerinnen und Bewohner rapide verschlechtert – sie vereinsamen schlichtweg. Die Caritas fordert deshalb, das Besuchsverbot zu lockern, und hat dazu bereits ein mehrstufiges Konzept ausgearbeitet.
Fünf Heime betreibt der katholische Träger in München, etwa 700 Menschen leben dort. Im gesamten Verband der Erzdiözese München und Freising sind es 26 Häuser mit 3000 Bewohnern. „Am Anfang war das Besuchsverbot sicherlich richtig“, sagt Doris Schneider, Geschäftsführerin der Caritas-Altenheime. Doch nun sind die Kontakte der Bewohner seit mehr als vier Wochen auf ein Minimum reduziert. Mittlerweile, so Schneider, berichteten sämtliche Heimleitungen, dass die Bewohner stark litten und gesundheitlich abbauten. Dass der Leidensdruck steige, mit jedem Tag, an dem sie ihre Angehörigen nicht sehen dürfen. „Wir können nicht ausschließen, dass die Bewohner sterben – und nicht an Corona.“
Die Angehörigen aber sind das Wichtigste, was die alten Menschen haben. Auf deren Besuche fiebern sie hin, auf ihre Kinder, Enkel, Urenkel. Neben den Besuchen fallen zurzeit auch Veranstaltungen im Haus und Gottesdienste weg. Telefonieren sei oft schlecht möglich, wenn die Bewohner schlecht hörten. Skypen bringe zwar ein bisschen Erleichterung, erfordere aber einen hohen Aufwand. Die meiste Zeit säßen die Bewohner allein auf ihren Zimmern. Zugleich steige die psychische Belastung bei den Angehörigen.
Natürlich könne man die Häuser nicht einfach wieder aufmachen, sagt Schneider – aber man müsse die Risiken abwägen. Das größte Risiko seien ohnehin die Mitarbeiter: „Die können wir nicht aussperren, die brauchen wir. Man kann ein Altenheim nicht abschotten.“ Dass Mitarbeiter, Ärzte und Physiotherapeuten in die Heime dürften, sie selbst aber nicht, sei den Angehörigen kaum noch zu vermitteln. Schneider schlägt behutsame Lockerungen über ein dreistufiges Modell vor. Der erste Schritt könnten Kontakte über Fenster und Balkone sein. In einem weiteren Schritt könnte es Einzelbesuche in zurzeit leer stehenden Cafeterien geben. Unter Beachtung der Hygienevorgaben – „und so geregelt und dokumentiert, dass man mögliche Infektionsketten zurückverfolgen kann“. Im dritten Schritt könnten Bewohner wieder je eine Person im Zimmer empfangen. „Man müsste schrittweise schauen, wie es funktioniert“, sagt Schneider. So wie die Politik es bei anderen Lockerungen auch tun wolle.
Bei den Behörden hat sie verschiedene Konzepte eingereicht. „Aber im Moment tut sich gar nichts.“ Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat Anfang der Woche mögliche Lockerungen angedeutet, blieb dabei aber sehr vage.«

(29.04.2020) Als Hintergrundinformation sowohl für die Arbeitsgruppe Pflegeheime wie auch gerade für die Gruppe ambulante Pflegedienste empfehle ich diese neue Untersuchung aus dem DIW in Berlin:
➔ Björn Fischer und Johannes Geyer (2020): Pflege in Corona-Zeiten: Gefährdete pflegen besonders Gefährdete. DIW aktuell, Nr. 38, Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), 28.04.2020
»Die Corona-Pandemie und die mit ihr verbundenen Einschränkungen stellen den Pflegesektor vor immense Probleme. Pflegebedürftige gehören zur Gruppe mit dem im Falle einer Corona-Infektion höchsten Risiko für schwere und tödliche Verläufe. Von den 3,7 Millionen Menschen, die in Deutschland Leistungen der Pflegeversicherung beziehen, lebten Ende 2018 nur knapp 800.000 in Pflegeheimen. Der Rest wird zu Hause gepflegt, häufig von Angehörigen, die eigentlich in anderen Haushalten wohnen, denen es an Schutzausrüstung fehlt und die damit ein erhöhtes Risiko eingehen (müssen), die pflegebedürftige Person zu infizieren. Ein großer Teil der Pflegeleistenden ist zudem in einem Alter, in dem sie selbst zur Risikogruppe derer gehören, die durch eine Infektion besonders gefährdet wären. Da Möglichkeiten der Tagespflege vielerorts eingeschränkt oder gar nicht mehr vorhanden sind, Pflegekräfte aus Osteuropa fehlen und Pflegeheime derzeit häufig keine neuen BewohnerInnen aufnehmen, wird den informell Pflegeleistenden nun aber noch mehr abverlangt als ohnehin schon. Entsprechend dringlich ist es, den betroffenen Personen staatlicherseits verstärkt unter die Arme zu greifen.«

(28.04.2020) Trotz Millionen neuer Masken: Pfleger beklagen „hochriskante Zustände“: Auch wegen des Maskenmangels haben sich mehr als 500 Berliner Gesundheits-Beschäftigte mit Covid-19 angesteckt. Gelöst ist das Maskenproblem noch nicht – Krankenhauspfleger klagen weiter über „hochriskante“ Zustände.

Zu der Abbildung: »Allein in den Berliner Pflegeheimen starben bislang 38 Patienten, infizierten sich 95 Mitarbeiter. Viele Ausbrüche hätten sich laut Robert-Koch-Institut wohl vermeiden lassen, wenn Regierung, Behörden und Arbeitgeber in der Lage gewesen wären, ausreichend Schutzmaterial zu beschaffen und vorrätig zu halten. „Ein Zusammenhang zwischen fehlenden Masken und der Verbreitung gerade dieser Atemwegsinfektion ist natürlich sehr wahrscheinlich“, bestätigt Peter Walger, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Nicht nur in den Pflegeheimen mit ihren am meisten von Covid-19 gefährdeten Bewohnern mangelt es an Schutzausrüstung, auch in der ambulanten Pflege und in den Kliniken werden die Masken noch immer strikt rationiert.«

(28.04.2020) Wenn Pflegeheime zur tödlichen Falle werden: Covid-19 trifft Tausende Pflegeheime. Viele lassen keine Besucher mehr zu, hinter den Türen leiden Bewohner an zunehmender Isolation. Angehörige können die Pflegequalität in der Pandemie kaum kontrollieren – mancherorts ist das bereits ein Fall für die Justiz.