Die Cosmo-Studie zu Corona: Ein Langzeit-Stimmungsbild in der Pandemie

Eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie muss sich mit der Studienlage beschäftigen – in einer sozialwissenschaftlichen Veranstaltung natürlich nicht mit den virologischen Aspekten. Wir haben ja alle in den zurückliegenden zwei Corona-Jahren lernen müssen, dass es zahlreiche hauptberufliche Virologen in diesem Land gibt, die sich professionell mit Viren aller Art beschäftigen und die auf einmal ein Dauer-Abo in den Talkrunden und Sondersendungen in den Medien bekommen haben. Etwas anders sieht es mit der Epidemiologie aus. Moment mal, wird der eine oder andere denken: Das sind doch Mediziner, die sich da tummeln. Was soll das mit Sozialwissenschaften zu tun haben?

Was ist Epidemiologie? »Die Epidemiologie ist eine Wissenschaft, welche das Neuauftreten (die Inzidenz) und die Verbreitung von Krankheiten (die Prävalenz) untersucht. Dabei kann entweder die ganze Bevölkerung beobachtet werden, oder aber eine bestimmte Gruppe (eine Population). Damit ist die Epidemiologie eine medizinische Wissenschaft, welche die Ursachen, die Verbreitung und die Folgen von Krankheiten erforscht.« So eine Definition, die man beim Epidemiologischen Studienzentrum des UKE Hamburg finden kann.

Es ist interessant, wenn man sich die Herkunft des Begriffs Epidemiologie anschaut: wörtlich ist das „die Lehre von dem, was über das Volk kommt“. Es handelt sich um eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Verbreitung sowie den Ursachen und Folgen von gesundheitsbezogenen Zuständen und Ereignissen in Bevölkerungen beschäftigt. Wenn man sich diese Beschreibung anschaut, dann wird klar, dass man auch soziologische und psychologische Wissensbestandteile inkorporieren muss, um die Verbreitung (aber auch potenzielle Gegenmaßnahmen zur Eindämmung) von Infektionskrankheiten in einer Bevölkerung oder Bevölkerungsgruppen zu erforschen.

Aber in den vergangenen zwei Jahren hatte auch die „klassische“ sozialwissenschaftliche Forschung einen wichtigen Beitrag zu leisten. Beispielsweise bei der Analyse der Folgen dessen, was den Menschen in der Pandemie widerfahren ist, wie die Menschen mit der neuen Herausforderung umgegangen sind, wer was warum (nicht) mitgetragen hat.

In diesem Kontext möchte ich Sie auf diese Studie hinweisen – ein Gemeinschaftsprojekt von Universität Erfurt, Robert Koch Institut, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Leibniz-Institut für Psychologie, Science Media Center, Bernhard Nocht Institut für Tropenmedizin und Yale Institute for Global Health:

COSMO — COVID-19 Snapshot Monitoring – es handelt sich um ein wiederholtes querschnittliches Monitoring von Wissen, Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen während des COVID-19 Ausbruchsgeschehens

Was haben die zu Tage gefördert?

»Während Virologen auf der ganzen Welt Sars-CoV-2 analysierten, wandte sich eine kleine Forschergruppe in Erfurt dem Wirt des Virus zu. Zwei Jahre lang hat das Team die Stimmung der Menschen während der Pandemie eingefangen und damit geholfen, das Virus zu bekämpfen. Die Cosmo-Studie ist inzwischen ausgelaufen – zu früh?«, berichtet Piotr Heller in dem Beitrag Cosmo-Studie zu Corona – Langzeit-Stimmungsbild in der Pandemie.

Cornelia Betsch erforscht an der Universität Erfurt Gesundheitskommunikation, mit der WHO hat sie etwa schon untersucht, warum manche Menschen sich nicht impfen lassen – und wie man sie dennoch dazu bringt. Sie sagt heute: „Wir müssen vor allem den Wirt des Virus verstehen! Und das ist der Mensch. Weil so wie wir uns verhalten, so läuft die Pandemie. Und das war das Ziel dieser Studie, also zu verstehen: Wie verhalten sich Menschen? Warum verhalten sich Menschen so? Und gibt es Möglichkeiten, dieses Verhalten auch zu verändern?“ Betsch stellte direkt beim Ausbruch der Corona-Pandemie ein Team zusammen. Es waren junge Wissenschaftler, Doktoranden der Universität Erfurt. Aus fünf geplanten Schnappschüssen sollten am Ende 61 werden. Über die letzten zwei Jahre haben insgesamt etwa 20 Wissenschaftler an dem Projekt mitgearbeitet, das den Namen COSMO bekam.

Bereits Anfang März 2020 ging es los mit den Befragungen. »Einige Themen waren immer gleich. Die Forscher fragten das Vertrauen in Behörden ab, oder wie die Menschen das Infektionsrisiko einschätzen. Mit anderen Fragen reagierten sie auf aktuelle Ereignisse: Was halten die Menschen von einer Ausgangssperre? Wollen sie sich impfen lassen?«

»13 Wochen lang arbeitete das Team nonstop. Ab da machten die Forscher dann alle zwei Wochen einen Schnappschuss. Das Ergebnis ist etwa eine kontinuierliche Kurve, die das Vertrauen der Bevölkerung in die Bundesregierung zeigt. In ihr spiegeln sich die politischen Entscheidungen während der Pandemie wider.«

März 2020: Das Vertrauen in die Bundesregierung war relativ hoch. Es wurden schnelle Entscheidungen und definitive Entscheidungen getroffen und irgendwie hatte ein Großteil der Bevölkerung das Gefühl: Da wird sich jetzt gekümmert. Im Durchschnitt hatten die Leute in der ersten Phase ein hohes Vertrauen in die Politik.

Dann nimmt das kontinuierlich ab. Besonders kurz nach Weihnachten 2020. Da kamen mehrere Dinge zusammen. Einmal waren die Regeln nicht wirklich einheitlich, dann wurden Regeln beschlossen und wieder zurückgenommen. Die Erwartungen wurden nicht erfüllt, bzw. wurden Versprechungen abgegeben, die nicht gehalten worden sind, was sich dann eben äußert in einem massiven Einbruch im Vertrauen.

Mit der Wahl der neuen Bundesregierung gab es dann nochmal einen Peak nach oben. Es gab einen Vertrauensvorschuss. Und dieser Vorsprung war aber nur ein sehr kurzer Effekt. Schon in der nächsten Erhebung war dieser Vertrauens-Vorschuss aufgebraucht und das Vertrauen war auf dem Niveau vor der Wahl.

»Ähnliche Kurven liefert Cosmo etwa für das wahrgenommene Risiko und das Schutzverhalten, also Masken-Tragen, Räume-Lüften oder Gedränge vermeiden. Im Jahr 2021 sah das Team, wie eine gewisse „Pandemiemüdigkeit“ einsetzte. Mehr Menschen waren es leid, etwas über Corona zu hören, zeigten weniger Schutzverhalten. Zudem sahen die Experten in den Cosmo-Daten schon recht früh, dass es einen harten Kern von Impfgegnern geben wird; oder dass die Gruppe derer, die gegen die Maßnahmen auf die Straße gehen wollen, über die ganze Pandemie etwa gleich groß blieb.«

Mit der regelmäßigen Befragung konnte gezeigt werden: »Mit sozialer Nähe sinkt die Bereitschaft, Maske zu tragen oder zu Lüften. Daraus kann man ableiten: Man muss der Bevölkerung klar machen, dass sie sich auch bei Freunden schützen muss. Weitere Erkenntnisse: Nächtliche Ausgangssperren bringen wenig, verlagern Kontakte lediglich in den Nachmittag. Eine Impfpflicht kann die Impfquote steigern, bei manchen aber zu Trotzreaktionen führen – sie halten sich dann an weniger Regeln.«

»Überhaupt, Regeln: Immer wieder zeigten die Cosmo-Ergebnisse, dass sich die Menschen eher an Regeln halten, wenn sie diese verstehen und nachvollziehen. Zudem wünschen sich die meisten bundeseinheitliche Regeln.«

Auch international ist der Ansatz der Erfurter Wissenschaftler auf Resonanz gestoßen: »Die WHO hat auf der Grundlage aus Erfurt einen internationalen Standard erarbeitet. Von Kanada über Argentinien, Portugal, Spanien, die Türkei bis nach Israel und Kuweit ermitteln Forscher das Befinden der Bevölkerung nach dem Cosmo-Prinzip.«

Am 18. März 2022 haben die Cosmo-Forscher ihren letzten Schnappschuss veröffentlicht. Obwohl die Fallzahlen damals noch stiegen, sank das wahrgenommene Risiko – wohl ein Effekt der milderen Omikron-Variante.

Das kann man hier nachlesen:

Zusammenfassung und Empfehlungen Welle 61 (18.03.2022)

Darin findet man beispielsweise diese Abbildung:

Aus der Zusammenfassung der Wissenschaftler: »Wir befinden uns aktuell in einer Situation, in der weiter zunehmend Entspannung erlebt wird – obwohl die Fallzahlen steigen und die Mehrheit auch weiterhin steigende Fallzahlen und sogar eine eigene Infektion eher erwartet, sind insgesamt weniger Belastung, weniger gefühltes Risiko, weniger Corona-Sorgen zu verzeichnen – und auch weniger Schutzverhalten als noch in der Delta-Welle. Es scheint, das Narrativ des „milden Omikron-Verlaufs“ hat sich durchgesetzt. Menschen, die Bekannte haben, die Corona hatten, empfinden allerdings ein höheres Risiko und sorgen sich auch eher um Langzeitfolgen von COVID-19 als Personen, die keine Erkrankten kennen. Die eigene Erfahrung mit dem Virus scheint also dazu beizutragen, dass Corona ernster genommen wird. Der Krieg in der Ukraine beherrscht derzeit das Nachrichtengeschehen; dennoch empfinden es die Befragten weiterhin als einfach, sich über Corona zu informieren. In den Daten zeigen sich aktuell auch keine Hinweise, dass der Stress, der durch das Kriegsgeschehen und die Folgen ausgelöst wird, zu weniger Corona-Schutzverhalten oder einer unbekümmerten Haltung bezüglich Corona führt. Sinkendes Schutzverhalten scheint daher v.a. mit der Wahrnehmung zusammenzuhängen, dass das Virus eine geringere Bedrohung als früher darstellt. Sobald Regelungen wie die Maskenpflicht entfallen, ist auch mit weniger Schutzverhalten zu rechnen. Insgesamt festigt sich weiter der Befund, dass Personen ohne Impfschutz ungeimpft bleiben möchten, mit einer Steigerung der Impfquote ist also ohne Weiteres nicht zu rechnen.«

Zu den Ergebnissen im Detail erfahren wir – hier nur eine Auswahl:

Risikowahrnehmung, Schutzverhalten, Akzeptanz von Maßnahmen
Befunde: Die meisten Befragten erwarten aktuell, dass die Infektionszahlen weiter steigen werden. Auch wenn immer noch ein erhöhtes Infektionsrisiko wahrgenommen wird, ist das gefühlte Risiko weiter gesunken, auch der Schweregrad einer möglichen Infektion wird als geringer eingeschätzt als noch im Dezember 2021 oder in den vorhergegangenen Corona-Wellen. Menschen, die Bekannte haben, die Corona hatten, empfinden allerdings ein höheres Risiko und sorgen sich auch eher um Langzeitfolgen von COVID-19 als Personen, die keine Erkrankten kennen. Schutzverhalten ist stabil niedriger als in der Delta-Welle oder weiter leicht gesunken. Ausnahme sind Masken, die dauerhaft häufig getragen werden. Strikte Maßnahmen wie weitere Kontaktbeschränkungen oder Schulschließungen werden stärker abgelehnt als noch in der Delta-Welle. Die Nutzung von Homeoffice und Schnelltests haben sich seit der letzten Erhebung nicht verändert. Ca. 50% halten die Maßnahmen für angemessen, 27% gehen sie zu weit, 23% nicht weit genug.
Lockerungen
Befunde: Wenn perspektivisch keine anderen Maßnahmen mehr gelten und Masken wieder notwendig würden, wären sie am ehesten in Pflegeeinrichtungen und öffentlichen Verkehrsmitteln befürwortet. Einzelhandel und Grundversorgung sind ähnlich, aber weniger akzeptiert. Masken in der Schule sind am wenigsten akzeptiert. Geimpfte akzeptieren das erneute Tragen von Masken deutlich mehr als Ungeimpfte. Ein Survey-Experiment zeigte, dass ein Wegfall der Maskenpflicht bei den anstehenden Lockerungen deutlich die Bereitschaft zum Tragen von Masken reduziert. Verschiedene Szenarien, die angesichts steigender Fallzahlen Lockerungen oder erneute Verschärfungen wurden ähnlich bewertet; es scheint hier keine ausgeprägte Tendenz vorzuherrschen. Am ehesten wurden Verschärfungen etwas schlechter bewertet.
Empfehlung: Sollte Masketragen weiter sinnvoll sein, sollte über verpflichtende Regelungen nachgedacht werden, da die sinkende Risikowahrnehmung und die Gewöhnung an Pflichtregelungen dazu führen könnte, dass Masken bei einem Wegfall der Pflicht auch deutlich weniger getragen werden.
Vertrauen
Befunde: 54% haben was den Umgang mit Corona angeht geringes oder kein Vertrauen in die Regierung. Das Vertrauen in Institutionen (Ärzte, Wissenschaft) ist in der aktuellen Erhebung auch insgesamt etwas niedriger als im Dezember. Das Vertrauen in die Bundesregierung ist bei den Personen höher, die die Maßnahmen für angemessen halten. Es ist etwas geringer bei Personen, denen die Maßnahmen nicht weit genug gehen und am niedrigsten bei Personen, denen die Maßnahmen zu weit gehen.
Impfen, Impfbereitschaft und Motive der Ungeimpften
Bitte zu beachten: Generell ist der Anteil der mindestens einmal Geimpften in der COSMO Stichprobe etwas höher als in anderen Impfquoten-Monitorings berichtet. Dies legt nahe, dass die Stichprobe in der COSMO Studie dem Impfen positiver gegenübersteht als die Allgemeinbevölkerung, wodurch möglicherweise der Anteil der Impf-Unwilligen unterschätzt wird. Auch werden hier nur Erwachsene im Alter zwischen 18 und 74 Jahren befragt.
Befunde:
Die Impfbereitschaft unter den (weniger werdenden, verbleibenden) ungeimpften Personen ist sehr gering. Von allen Befragten waren 10% ungeimpft, der Rest hat mindestens eine Impfung erhalten. Unter diesen Ungeimpften sind in der aktuellen Befragung nur 4% impfbereit, 13% zögerlich oder unsicher, 83% sagen, sie wollen sich auf keinen Fall impfen lassen.

Mit der 61. Welle ist die ursprünglich geplante Projektphase ausgelaufen. Man könnte sagen: Der Zeitpunkt ist der richtige. Schließlich hat das Virus viel von seinem Schrecken verloren.

Oder?

„Ich finde es fast absurd, dass wir in einer Situation, in der die Pandemie bei weitem noch nicht vorbei ist und in der immer noch sehr viele gesellschaftliche, auch Langzeit-Fragen gesellschaftlicher Art, durch die Pandemie aufgeworfen werden, dass wir eigentlich in einer solchen Situation also Bewährtes und gutes Erhebungsinstrument einstellen. Also ich bedauere das sehr.“ (Berthold Vogel, Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen)