Von den Spekulationen über ein „Killer-Virus“ in die statistischen Tiefen und Untiefen der „Übersterblichkeit“

Der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist gleichsam auf den Corona-Wellen, über die wir bereits gesprochen haben, in sein Ministeramt „gesurft“. Viele Menschen haben ihm eine besondere Kompetenz in Fragen von Covid-19 zugesprochen, sicherlich auch bedingt durch seine andauernde Medienpräsenz in den ersten beiden Corona-Jahren.

Nun wird der eine oder andere seine mehr oder weniger bewusste Kompetenzzuschreibung in den vergangenen Wochen in Frage gestellt haben – und den Verdacht bekommen haben, dass der Minister an dem Corona-Thema „klammert“ und bewusst Panikmache schürt, die eben nicht wirklich wissenschaftlich begründbar oder belegbar ist. Ich meine hier solche Meldungen: Lauterbach warnt vor neuen Virusvarianten, so ist eine davon überschrieben, die am 17. April 2022 veröffentlicht wurde. Besonders ein vom Minister verwendeter Begriff ist dabei vielen übel aufgestoßen, weil hier mit elementaren Ängsten der Menschen hantiert wird:

»Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat vor möglichen neuen, hochansteckenden Virusvarianten noch in diesem Jahr gewarnt. „Es entwickeln sich gerade diverse Omikron-Subvarianten, die für mich Anlass zur Besorgnis sind. Die Abstände, in denen neue Varianten die alten ablösen, werden immer kürzer. Das bedeutet, dass wir uns immer schlechter auf die Mutationen vorbereiten können“, sagte Lauterbach der „Bild am Sonntag“. Es sei „durchaus möglich, dass wir eine hochansteckende Omikron-Variante bekommen, die so tödlich wie Delta ist. Das wäre eine absolute Killer-Variante.“«

„Killer-Variante“. Da muss der eben nicht auf Virologie und Epidemiologie spezialisierte Normalbürger Angst bekommen. Aber: »Die Reaktionen darauf lauteten von „wenig hilfreich“ über „nicht zielführend“ bis hin zu „unwissenschaftlich“. Letzteres Verdikt kam vom Hamburger Virologen Jonas Schmidt-Chanasit und dürfte den Wissenschaftler Lauterbach besonders treffen. Auch andere Experten halten die Prognose für fahrlässig und stützen sich dabei auf die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die dieses Szenario für „eher unwahrscheinlich“ hält«, kann man diesem Artikel entnehmen: „Absolutes Killervirus“ fressen Seele auf. Die Autorin spekuliert über die Motive des Herrn Lauterbach: »Vielleicht befürchtete Lauterbach, im nächsten Herbst ein ähnlich chaotisches Szenario managen zu müssen wie sein Vorgänger Jens Spahn (CDU) die Jahre davor? Aus seiner Enttäuschung über die im Bundestag durchgefallene allgemeine Impfpflicht und der künftigen Aussichtslosigkeit des Projekts machte Karl Lauterbach jedenfalls keinen Hehl. Für ihn war sie die einzige aussichtsreiche „Wall gegen die nächste Viruswand“.«

Auf der anderen Seite hat man nach den quälend langen ersten beiden Corona-Jahren nunmehr den Eindruck, dass es jetzt aber geschafft sei, dass wir wieder „zurück“ können in unser altes Leben. Und diese deutliche Abnahme der Risikowahrnehmung wird befördert durch die vielen Meldungen, dass die Infektionen mit der Omikron-Variante in fast allen Fällen relativ glimpflich verlaufen. Auch aus den Krankenhäusern hört man nichts mehr, was auf eine offensichtliche Überlastung durch Covid-19-Patienten hindeutet (wenn man genau hinschaut, dann relativiert sich dieser Befund aufgrund der Tatsache, dass sehr wohl viele Kliniken überlastet sind „durch“ Corona, hier vor allem in zweierlei Hinsicht gemeint: Zum einen durch die Tatsache, dass das Personal in den Kliniken nach den zwei Corona-Jahren schlichtweg erschöpft und ausgelaugt ist und aktuell zum anderen aufgrund der erheblichen Personalausfälle (bei einer sowieso schön dünnen Personaldecke) durch die Quarantäne und krankheitsbedingten Corona-Ausfälle bei den Beschäftigten.

Sterben „am“ oder „mit“ dem Corona-Virus?

Sie erinnern sich – in den vergangenen Monaten wurden immer auch neben den Infektionszahlen und den Patientenzahlen in den Kliniken die Zahl der „Corona-Toten“ veröffentlicht. Teilweise, wenn denn die Zahlen richtig waren und sind, sind täglich so viele Menschen verstorben, als wenn ein Passagierflugzeug über unserem Land abgestürzt wäre. Aber es gab und gibt auch diejenigen, die das in Frage stellen und eine Debatte geführt haben und führen, ob die Menschen „an“ Covid-19 gestorben sind – oder nicht eher „mit“, also die eigentliche Todesursache nicht auf das Virus zurückgeführt werden kann.

In der wissenschaftlichen Diskussion verwenden die Statistiker, die Epidemiologen und andere Disziplinen, eine besondere Kennzahl, um die möglichen todbringenden Auswirkungen einer Pandemie zu messen: die „Übersterblichkeit“. Übersterblichkeit (auch: Exzess-Mortalität genannt) bezeichnet in der Demografie eine erhöhte Sterberate (Mortalität) im Vergleich zu empirischen Daten oder anders gewonnenen Erwartungswerten.

Haben wir eine solche in Deutschland? Die Frage ist einfacher gestellt, als beantwortet.

Aufgabe 1: Ich möchte Sie bitten, in einem ersten Schritt die folgenden Beiträge zu lesen, die ich im ersten Corona-Jahr, also 2020, in meinem Blog „Aktuelle Sozialpolitik“ zu dem Thema veröffentlicht habe, vor dem Hintergrund der Leitfrage: Wie wurde inmitten der ersten Corona-Welle über das Thema „Übersterblichkeit“ berichtet und kann man sagen, dass eine solche nachweisbar war?

Hier finden Sie die Beiträge – achten Sie bitte immer auch auf das jeweilige Datum der Veröffentlichung:

1.) Gibt es eine „Übersterblichkeit“ aufgrund der Corona-Pandemie? Aktuelle Daten zur Entwicklung der Mortalität als Indikator für tödliche Folgen des Virus (31. Mai 2020)

2.) Ein Update zur Frage: Gibt es eine coronabedingte „Übersterblichkeit“ in Deutschland? (5. Juni 2020)

3.) Coronabedingte „Übersterblichkeit“ in Deutschland? Ein Update zur Entwicklung bis in den Juni 2020 (9. Juli 2020)

4.) Keine Zahlenspielerei. Covid-19 und die Statistiken. Von Todesfällen im Zusammenhang mit Corona, Neuinfizierten und der Frage nach einer „Übersterblichkeit“ (30. Dezember 2020)

Aufgabe 2: Bitte erläutern Sie, welche methodischen Herausforderungen aus statistischer Sicht bei der Interpretation der Mortalitätswerte vorliegen, also warum es nicht so einfach ist, von einer möglicherweise gemessenen höheren Sterblichkeit auf eine virusbedingte Sterblichkeit zu schließen.

In meinen Beiträgen habe ich mich immer auch auf die Zahlen und Erläuterungen aus dem Statistischen Bundesamt und dem Robert-Koch-Institut (RKI) bezogen. Was sagen die denn nun heute, am aktuellen Rand der Corona-Pandemie zu dem Thema?

Aufgabe 3: Bitte schauen Sie sich das folgende Material aus dem Statistischen Bundesamt genau an und versuchen Sie auf dieser Basis die Frage zu beantworten, ob wir eine coronabedingte Übersterblichkeit hatten/haben?

Sterbefallzahlen im März 2022 um 6 % über dem mittleren Wert der Vorjahre (12. April 2022)

Corona-Pandemie führt zu Übersterblichkeit in Deutschland (9. Dezember 2021)

➔ Felix zur Nieden und Alexander Engelhart (2021): Sterbefallzahlen und Übersterblichkeit während der Corona-Pandemie, in: Wirtschaft und Statistik, Heft 3/2021, S. 47-57