Schon zwei Corona-Jahre liegen hinter uns. Und wir sind immer noch mittendrin, am Ende oder vor der nächsten Welle?

Ich hatte Ihnen heute einen komprimierten Rückblick gegeben auf die beiden (letzten?) Corona-Jahre 2020 und 2021. Die Folien sind für Sie im Materialordner auf der Olat-Seite eingestellt, sie können die dort als PDF-Datei herunterladen.

Die Ausführungen sind dieser Veröffentlichung entnommen, die im Frühjahr des vergangenen Jahres von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlicht wurde:

➔ Manfred G. Schmidt (2021): Der Umgang mit der Corona-Krise vor dem Hintergrund des deutschen Sozialstaats und der Gesundheitspolitik der Europäischen Union, Berlin, 16.03.2021

Man findet Schmidt (2021) diese zusammenfassende Bewertung der deutschen Corona-Bekämpfungspolitik:

Insgesamt strebte die deutsche Politik bei der Bekämpfung der Corona- Pandemie nach einer mittleren Linie zwischen dem chinesischen und dem schwedischen Weg. China beschränkte die Rechte seiner Bürger mit drakonischer Schließung, Abriegelung von Wohnvierteln, Städten, Regionen und Fabriken, mit rigider Überwachung und strenger Sanktionierung von Verstößen. Die Regierung von Schweden hingegen liebäugelte lange, bis in den Winter 2020, mit einer liberalen Regulierung. Mobilität, Kontakte, Freizügigkeit und Zugang zu privatwirtschaftlichen und öffentlichen Einrichtungen – wie Schulen und Kindertagstätten – wurden nur zurückhaltend eingeschränkt. Der deutsche Mittelweg sollte durch Einschränkungen ohne drakonische Maßnahmen und ohne übermäßige Liberalität schützen.

China verfolgt bekanntlich eine drakonische Zero-Covid-Politik bzw. man versucht es. In diesen Tagen werden wir Zeugen, was das bedeuten kann, denn seit einiger Zeit hat man die größte Wirtschaftsmetropole des Landes – Shanghai – in den Lockdown geschickt: »Die Lage in Shanghai bleibt angespannt: Die Millionenstadt befindet sich nach wie vor in einem strikten Lockdown. Hilferufe von Bewohnern kursieren – sie klagen über Hunger und schlechte Versorgung. Ein Ende der Maßnahmen ist dennoch nicht in Sicht«, berichtet heute, am 14. April 2022, Benjamin Eyssel aus dem ARD-Studio Peking unter der Überschrift Hunger und Frust im Lockdown. »Es ist nach wie vor eine große Herausforderung, die mehr als 25 Millionen Einwohner in Shanghai mit Essen zu versorgen, von denen die meisten ihre Wohnungen und Häuser nicht verlassen dürfen. Die Behörden bemühen sich, Abhilfe zu schaffen. Doch es gibt Berichte von Lastwagenfahrern, die nicht nach Shanghai hineinfahren wollen, weil sie Angst haben, die Stadt nicht mehr verlassen zu dürfen. Auch gibt es zu wenige Fahrer von Lieferdiensten. Für Aufsehen sorgen auch die teils katastrophalen Zustände in den zentralen Massenunterkünften. Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet werden, müssen in eine staatliche Isolationseinrichtung und dürfen nicht zuhause bleiben. Betten stehen in großen Hallen häufig dicht an dicht gedrängt, die sanitären Anlagen sind verschmutzt.«

»Insgesamt haben die Behörden in Shanghai mehr als 250.000 Corona-Fälle registriert. Und täglich kommen mehr als 20.000 neue Fälle dazu. Dass die Ansteckungszahlen nach wie vor so hoch sind, liege an der Omikron-Variante BA.2, erklärt Wu Huanyu von der Pandemiebehörde der Stadt Shanghai. Die Virus-Variante verbreite sich rasant und sei schwer zu entdecken. Die meisten Ansteckungen gebe es innerhalb von Familien.«

Angesichts der hochansteckenden Omikron-Variante kommen immer mehr Zweifel auf an der strikten Null-Covid-Politik der Staats- und Parteiführung. Doch diese will nicht davon abrücken.

Viele Beobachter äußern sich besorgt darüber, was passieren könnte, wenn Omikron in China außer Kontrolle gerät. Denn auch wenn kein Land der Welt mehr Impfdosen verabreicht hat als China, sind vor allem viele ältere Menschen in der Volksrepublik nicht geimpft. »Im Gegensatz zu den meisten Ländern hat China zuerst die Jüngeren geimpft, die arbeiten gehen und die Wirtschaft am Laufen halten. Nur die Hälfte der über 80-Jährigen in China hat einen vollständigen Impfschutz, etwa 20 Prozent von ihnen haben einen Booster erhalten«, so dieser Bericht vom 29.03.2022: Kritik an Chinas Covid-Maßnahmen wächst.

Wir können alle mehr als froh sein, dass wir nicht in China leben (müssen).

Und Schweden? »Schweden geht mit einer völlig anderen Strategie als die meisten Länder durch die Pandemie. Daran gibt es immer wieder wissenschaftliche Kritik. Eine Analyse des schwedischen Sonderwegs zeigt, dass das Land sehr viel falsch gemacht und dafür einen hohen Preis gezahlt hat«, so dieser Artikel: Vernichtendes Urteil über Schwedens Corona-Sonderweg. »Die Analyse stammt von der Epidemiologin Nele Brusselaers, die am Karolinska Institutet forscht und lehrt. Gemeinsam mit Fachkolleginnen und -kollegen ist sie der Frage nachgegangen, inwieweit Schweden vor 2020 eine Pandemiestrategie hatte, ob diese Strategie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhte und wie sie während der Pandemie umgesetzt und in die Politikgestaltung übernommen wurden. Die Studie, die auf offiziellen Papieren, E-Mails und Studien basiert, wurde in der Zeitschrift „Humanities and Social Sciences Communications“ veröffentlicht.«

Hier die Studie im Original:

➔ Nele Brusselaers et al. (2022): Evaluation of science advice during the COVID-19 pandemic in Sweden, in: Humanities and Social Sciences Communications, 2022
»Sweden was well equipped to prevent the pandemic of COVID-19 from becoming serious. Over 280 years of collaboration between political bodies, authorities, and the scientific community had yielded many successes in preventive medicine. Sweden’s population is literate and has a high level of trust in authorities and those in power. During 2020, however, Sweden had ten times higher COVID-19 death rates compared with neighbouring Norway. In this report, we try to understand why, using a narrative approach to evaluate the Swedish COVID-19 policy and the role of scientific evidence and integrity. We argue that that scientific methodology was not followed by the major figures in the acting authorities—or the responsible politicians—with alternative narratives being considered as valid, resulting in arbitrary policy decisions. In 2014, the Public Health Agency merged with the Institute for Infectious Disease Control; the first decision by its new head (Johan Carlson) was to dismiss and move the authority’s six professors to Karolinska Institute. With this setup, the authority lacked expertise and could disregard scientific facts. The Swedish pandemic strategy seemed targeted towards “natural” herd-immunity and avoiding a societal shutdown. The Public Health Agency labelled advice from national scientists and international authorities as extreme positions, resulting in media and political bodies to accept their own policy instead. The Swedish people were kept in ignorance of basic facts such as the airborne SARS-CoV-2 transmission, that asymptomatic individuals can be contagious and that face masks protect both the carrier and others. Mandatory legislation was seldom used; recommendations relying upon personal responsibility and without any sanctions were the norm. Many elderly people were administered morphine instead of oxygen despite available supplies, effectively ending their lives. If Sweden wants to do better in future pandemics, the scientific method must be re-established, not least within the Public Health Agency. It would likely make a large difference if a separate, independent Institute for Infectious Disease Control is recreated. We recommend Sweden begins a self-critical process about its political culture and the lack of accountability of decision-makers to avoid future failures, as occurred with the COVID-19 pandemic.«

Brusselaers und ihr Team haben sich in der Studie, die sich ausschließlich mit Schweden beschäftigt und keine Vergleiche zu anderen Ländern und deren Maßnahmen zieht, auf das Jahr 2020 konzentriert und kommen zu einem vernichtenden Urteil. Demnach war der schwedische Sonderweg „durch einen moralisch, ethisch und wissenschaftlich fragwürdigen Laissez-faire-Ansatz gekennzeichnet“.

»Dabei schätzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, dass Schweden die Wahrnehmung als liberales Land wichtiger gewesen sei als ein evidenzbasierter Ansatz oder die Rettung und der Schutz von Menschenleben. Allein 2020 seien die Todeszahlen in Schweden auf ein zehnmal so hohes Niveau gestiegen wie im benachbarten Norwegen. Mit Stand 30.3.2022 hat es in Schweden laut den Daten des schwedischen Gesundheitsministeriums 18.365 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Erkrankung gegeben. Das sind 178,55 Todesfälle je 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Norwegen sind es 46,83 auf 100.000 Einwohner.«

»Die schwedische Pandemie-Strategie, die später offiziell als „Nicht-Strategie“ bezeichnet wurde, habe auf eine „natürliche“ Herdenimmunität und die Vermeidung eines gesellschaftlichen Shutdowns abgezielt. Tatsächlich verbot Schweden im März 2020 lediglich öffentliche Zusammenkünfte von mehr als 500 Menschen, später von mehr als 50 Menschen. Die Schulen blieben geöffnet, digitalen oder Fernunterricht gab es lediglich für ältere Schülerinnen und Schüler und Studenten. Insgesamt blieb es bei Empfehlungen und freiwilligen Maßnahmen, auf gesetzliche Beschränkungen und auch auf damit verbundene Ordnungsmaßnahme wie Bußgelder wurde verzichtet.«

Schweden empfahl erst ab Juni 2020 die Verwendung von Gesichtsmasken oder Schutzkleidung in Krankenhäusern und Pflegeheimen, unter anderem bei der Behandlung und Pflege von Covid-19-Patienten.

Und ein wirklich bitterer Befund der Studie:

»Obwohl genügend Sauerstoffvorräte vorhanden waren, sei zudem vielen älteren Menschen stattdessen Morphium verabreicht worden. Dadurch sei deren Leben „effektiv beendet“ worden. Menschen mit schweren Verläufen hätten teils keine angemessene Gesundheitsversorgung erhalten, bei Personen mit Begleiterkrankungen sei es weniger wahrscheinlich gewesen, dass sie optimal versorgt wurden.«