Kurz vor Toresschluss: Die Bundestagswahl 2021 wird in einigen Stunden vorbei sein – und auf den letzten Metern ist es noch einmal richtig unsicher geworden

Wir haben uns in dem Seminar zur Wahlforschung im Sommersemester 2021 bis Anfang Juli mit ausgewählten Aspekten des sozialwissenschaftlichen Zugangs zu Wahlen und Parteien beschäftigt. Und die meisten der Themen, die von den vier Arbeitsgruppen behandelt wurden, sind uns in den vergangenen Wochen überall wieder auf die Füße gefallen. Apropos vergangene Wochen. Wer von uns hätte vor einem Jahr vorausgesehen oder auch nur ahnen können, wie sich (zumindest) die Umfragewerte bis zum heutigen Tag entwickelt haben. Dass die Grünen, die sich fast schon im Kanzleramt gesehen haben, so einen Absturz hingelegt haben. Dass die CDU/CSU, die von einem Erbpachtvertrag als stärkste Partei ausgegangen ist, dermaßen ins schlingern geraten ist? Dass die für viele lange Zeit als Scheintote um die 15 Prozent oszillierende SPD nunmehr an der Umfrage-Spitze liegt und der SPD-Kandidat Scholz echte Chancen hat, als nächster Bundeskanzler aus dem Rennen zu kommen?

Wie immer ist eine Visualisierung dieser gewaltigen Verschiebungen hilfreich – und ich greife dafür wieder auf eine Abbildung zurück, mit der ich auch im Seminar gearbeitet habe beim Thema Umfragen und Umfrageforschung: den pollytix-Wahltrend, der vor allem deshalb interessant ist, weil er die wichtigsten aktuellen Wahlumfragen bündelt und verdichtet. Und an dem kann man die tektonischen Verschiebungen innerhalb der letzten zwölf Monate hervorragend ablesen:

Es ist und bleibt spannend – nach den allerneuesten Umfragen hat sich (angeblich) der Abstand zwischen SPD und den beiden Unionsparteien wieder verringert. Möglicherweise werden einige tausend Stimmen den Unterschied machen – so war das schon einmal gewesen, als Stoiber von der CSU gegen Schröder von der SPD knapp verloren hat und eine Zeit lang am Wahlabend schon als Sieger gefeiert wurde.

Hier nun zur Ergänzung und Fortführung unseres bereits abgeschlossenen Seminars einige Materialhinweise für den einen oder die andere, die sich dafür interessiert – es handelt sich um Podcasts, Videos und andere Quellen aus den vergangenen Wochen, die ich Ihnen hier verlinkt habe:

Themenseite Tagesschau Online: Bundestagswahl 2021

Jörg Schönenborn (2021): Hochrechnung, Prognose – was ist was?, in: Tagesschau Online, 25.09.2021
Was unterscheidet Hochrechnungen von Prognosen? Weshalb sind Umfragen keine Vorhersagen? Und was waren gleich Exit-Polls? Unterschiede, die man kennen sollte.

SWR: Wahlentscheidung als Bauchgefühl – warum wir wo unser Kreuzchen machen (16.09.2021)
Am 26. September ist Bundestagswahl. Die Parteien und ihr Spitzenpersonal kommen langsam, aber sicher auf Touren, erklären sich und ihre Pläne bei Besuchen in den Hochwassergebieten, auf diversen Sommertourneen durchs Land oder ganz klassisch im Rundfunkinterview. Dabei spielen Inhalte häufig nur eine untergeordnete Rolle. Nur Polit-Nerds wissen mittlerweile noch was in den Programmen der Parteien steht. Stattdessen geht es viel um Sympathie und Vertrauen oder im Gegenteil um Versäumnisse und falsche Gesten. Wahlentscheidung als Bauchgefühl? Wie funktioniert das genau?

DLF: Das Kreuz der Demoskopen (05.09.2021)
Dass Donald Trump US-Präsident werden würde, hatten Wahlforscher nicht vorhergesehen – zwischen Wahlabsichten und dem Kreuz in der Kabine gibt es offenbar eine Kluft. Das gilt auch für Deutschland. Die Demoskopen modernisieren ihre Methoden – werden damit auch die Voraussagen besser?

Die Angst der Demoskopen vor dem Wahltag (04.09.2021)
Ist die CDU wirklich so schwach, und ist die SPD wirklich so stark, wie es aktuelle Umfragen darstellen? Deutschlands Meinungsforscher messen in diesem Jahr Stimmungsbilder, die sich schneller wandeln als je zuvor. In den Instituten wächst die leise Sorge, sie könnten bei der Bundestagswahl am 26. September erneut krass danebenliegen – wie im Juni bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

DLF: Bundestagswahl – Stimmen fangen auf Marktplätzen und in Sozialen Medien (20.08.2021)
Zwar findet ein entscheidender Teil des Wahlkampfes nach wie vor in der analogen Welt statt, Wahlwerbung in sozialen Netzwerken gewinnt aber an Bedeutung. Dort setzen die Parteien teilweise auf die gleichen Botschaften wie auf Plakaten, zugleich kann eine Tendenz zum Abwerten von Kontrahenten beobachtet werden.

WDR: Virtuelle Propaganda – Doku über digitale Stimmungsmache im Wahlkampf (29.08.2021)
Im Superwahljahr 2021 rüsten alle Parteien digital auf und investieren große Summen in den virtuellen Wahlkampf. Zunehmend mischen auch internationale PR-Profis mit. Ihr Versprechen: über digitale Stimmungsmache Wahlsiege zu generieren.

HR: Liebe Wählerinnen! Der Kampf um die Frau (25.08.2021)
Profitieren Frauen davon, wenn Frauen Politik machen? Wie sieht die Bilanz nach 16 Jahren Kanzlerinnenschaft aus? Trauen Frauen ihren Geschlechtsgenossinnen mehr Kompetenz bei der Problemlösung zu? Das Wahlverhalten von Frauen ist nicht so leicht zu erforschen, und die Angebote der Parteien insgesamt scheinen entscheidender zu sein an der Wahlurne als das Geschlecht der Kandidaten. Aber es gibt einen Gender Gap bei bestimmten Parteien. Die AfD z.B. wurde bei der letzten Bundestagswahl von fast doppelt so vielen Männern wie Frauen gewählt. Die CDU dagegen konnte bei den Frauen punkten, verstärkt bei den Älteren. Wählerinnen werden von den Parteien besonders umschwärmt, sie stellen mit knapp über 50 Prozent auch die Mehrheit der Bevölkerung. Fortschritte in der Familienpolitik zahlen ein aufs Wahlkonto, auch von der Aufstellung möglichst vieler Kandidatinnen versprechen sich die Parteien Zuspruch, insbesondere von den Jüngeren. Aber funktioniert das unabhängig von der Person und Qualifikation? Bei den Grünen war die Frauenkarte allein offenbar kein Trumpf.

Viola Neu und Sabine Pokorny (2021): Vermessung der Wählerschaft vor der Bundestagswahl 2021. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zu politischen Einstellungen, Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung, Juli 2021
»In einer breit angelegten Studie wurden grundlegende Strukturen und Einstellungen der Wahlberechtigten untersucht. Aktuelle Veränderungen des Meinungsklimas stehen dabei nicht im Fokus. Vielmehr geht es um die unterschiedlichen Formen der Bindung an die Parteien und wie diese begründet sind. 
Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat eine repräsentative Telefonumfrage unter über 8.000 Befragten durchzuführen lassen, zwischen 8. Juli und 30. Dezember 2020. Nach Gewichtung ist die Umfrage repräsentativ für die deutsche wahlberechtigte Bevölkerung ab 18 Jahren. 
Einige Ergebnisse sind:
➞ Es gibt ein hohes Wechselpotenzial zwischen den Wählerschaften: Nur etwa jede/jeder vierte Befragte mit Wahlabsicht kann sich vorstellen, nur eine Partei zu wählen. Lediglich bei der AfD ist dies knapp jede/jeder zweite Befragte. Alle anderen haben eine Zweitwahlpräferenz.
➞ Die hohe Wechselwahlbereitschaft spiegelt sich auch in der Sympathie für die jeweiligen Parteien wider. Unter der jeweiligen Wählerschaft sind jeweils die Anteile an Personen am höchsten, die die jeweilige Partei mögen. Bemerkenswert ist, dass auch unter den anderen Wählerschaften teils beträchtliche Anteile an Personen gibt, die eine Partei mögen, auch wenn sie sie aktuell nicht wählen wollen.
➞ Bei den Wahlmotiven sind für die meisten der Befragten Problemlösung (94 Prozent), inhaltliche Positionen (92 Prozent) und soziale Ausrichtung (91 Prozent) besonders wichtig – gefolgt von Durchsetzungsstärke (89 Prozent), Kandidaten (88 Prozent) und Klimaschutz (87 Prozent). Soziale Ausrichtung und Klimaschutz werden in den Anhängerschaften der FDP und AfD als weniger wichtig eingeschätzt als in allen anderen Anhängerschaften.«

Jochen Roose (2021): Lebensstilvielfalten vor der Bundestagswahl 2021. Eine repräsentative Umfrage zu Lebensstilen und Wahlverhalten, Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung, Mai 2021
»Grundhaltungen zum Leben, zu Werten und Geschmack prägen unterschiedliche Entscheidungen im Leben, auch politische. Diese Grundhaltungen sind durch Alter, Bildung oder Einkommen mitgeprägt, gehen aber darüber hinaus. Menschen haben Lebensstile, die sie voneinander unterscheiden, und die auch ihre politischen Haltungen mit beeinflussen. Wie sich Lebensstiltypen in der Nähe und Ferne zu den politischen Parteien unterscheiden, hat die Konrad-Adenauer-Studie in einer großen repräsentativen Studie erhoben. Eine scharfe Trennung nach Lebensstilen gibt es in Deutschland entgegen stereotyper Wahrnehmungen nicht, wohl aber unterschiedliche Schwerpunkt. Traditional geprägte Milieus tendieren zur Union und der FDP, moderne und materiell besser ausgestattete Milieus zu den Grünen. Für die Umfrage wurden insgesamt 8.042 zufällig ausgewählte Personen zwischen Juli und Dezember 2020 telefonisch befragt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland.«

Anna-Katharina Meßmer, Alexander Sängerlaub und Leonie Schulz (2021): „Quelle: Internet“? Digitale Nachrichten- und Informationskompetenzen der deutschen Bevölkerung im Test, Berlin: Stiftung Neue Verantwortung, März 2021

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: Werkstatt Wahlen
Wählen ist essentiell in einer Demokratie. 2021 ganz besonders, denn Deutschland befindet sich in einem Superwahljahr: Zahlreiche Landtagswahlen und die Bundestagswahl stehen ins Haus. Wie können Wahlen in der Pandemie organisiert werden? Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf das Wählerverhalten? Wie wirken sich die Proteste gegen die Corona-Politik aus? In den vergangenen Jahren ist die Demokratie in vielen Ländern ins Hintertreffen geraten oder sie steht nun im Zuge der Pandemiebekämpfung in der Kritik. Lässt sich verloren gegangenes Vertrauen überhaupt wiederherstellen? Gibt es Gemeinsamkeiten bei den Wahlkämpfen in den USA und Deutschland? Welche Herausforderungen gibt es für die Parteien? Wie lässt sich Legitimität- und Repräsentativitätsdefiziten begegnen? Unsere multimediale Plattform WERKSTATT WAHLEN versammelt die WZB-Forschung über Demokratie, Wahlen, Parteien, Verfassung, Protesten und vielem mehr zu den Bundestags- und Landtagswahlen 2021, aber auch zu anderen Wahlereignissen und internationalen Entwicklungen der Demokratie.

Jannes Jacobsen und Martin Kroh (2021): Eingewanderte bauen nur schrittweise Bindungen an Parteien in Deutschland auf, in: DIW Wochenbericht Nr. 28/2021
»Etwa jede vierte Person in Deutschland hat eine Einwanderungsgeschichte. Ein Indikator für ihre Inklusion in das politische Leben ist, ob sie sich mit einer Partei verbunden fühlen. Befragungen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigen, dass Eingewanderte und ihre Kinder dies seltener tun als die restliche Bevölkerung. Bei selbst Eingewanderten steigt die Parteibindung mit der Aufenthaltsdauer: Bis fünf Jahre nach ihrer Einwanderung gibt etwa ein Viertel der Befragten eine erste Parteibindung an, nach 15 Jahren ist es rund die Hälfte. Dabei unterscheiden sich die Parteibindungen zwischen Personen verschiedener Herkunftsländer stark. So neigen Menschen aus der Türkei häufiger der SPD zu, während sich Eingewanderte aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion beziehungsweise den Nachfolgestaaten häufiger der CDU/CSU verbunden fühlen. Dass die Hälfte der Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland den Parteien bisher dauerhaft distanziert gegenübersteht, weist auf ein hohes Mobilisierungspotenzial hin. Parteien sollten daher diese wachsende Wählergruppe noch aktiver ansprechen und ihre vielfältigen politischen Interessen stärker einbeziehen.«

HR: Alle Angaben ohne Gewähr: wie wichtig sind Wahlprogramme? (21.06.2021)
Sind Wahlprogramme überhaupt wichtig für die Wählerinnen und Wähler?

HR: Auf die Plätze, fertig, los! Wahlkampf wie ein Pferderennen (11.06.2021)
„Vielleicht erleben wir gerade den dümmsten Wahlkampf der Nachkriegsgeschichte“, meint eine Twitter-Nutzerin. Eigentlich dachte man: Wenn der Wahlkampf losgeht, wird es vor allem um dringende Zukunftsfragen gehen. Beim Kampf gegen den Klimawandel hatte da selbst das Bundesverfassungsgericht Druck gemacht. Stattdessen sind die Schlagzeilen beherrscht von Diskussionen über Fehler in Lebensläufen, vor allem dem der ersten Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Stimmt es, dass der Wahlkampf 2021 um Nichtiges statt um Wichtiges geht? Und warum ist das so?

HR: Der Empörungs-Turbo – wer braucht noch Wahlkampf? (09.06.2021)
»Keine Glocke, kein „auf los geht’s los“, kein Startschuss. Und trotzdem sind wir schon mitten im Wahlkampf angekommen, rund vier Monate vor der Bundestagswahl. Das spüren wir daran, wie genüsslich Fehler oder Unzulänglichkeiten der Kandidaten und Kandidatinnen öffentlich ausgeschlachtet werden. Annalena Baerbock von den Grünen werden nachträgliche Änderungen in ihrem Lebenslauf vorgeworfen. Ihrer Partei wird unterstellt, uns das Autofahren vermiesen zu wollen. Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU muss sich den Vorwurf anhören, er hätte an Hartz-IV-Empfänger und Menschen mit Behinderung minderwertige Corona-Masken verteilen wollen. Alles normal im Wahlkampf, das kann ja sein. Aber war es auch immer schon so verletzend und moralisch aufgeladen? Die Politik braucht mitunter die Zuspitzung, um komplizierte Inhalte der Bevölkerung schnell zu vermitteln. Allerdings brauchen wir auch keinen Wahlkampf mit Empörungs-Turbo. Liegt es daran, dass der Wahlkampf bisher größtenteils medial und im Internet stattfindet, wo der Ton am derbsten ist? Und geht das bitte auch anders?«

Themenseite Bundestagswahl 2021 der Bundeszentrale für politische Bildung: Am 26. September 2021 findet die Wahl zum 20. Deutschen Bundestag statt. Wir beantworten Fragen rund um die Wahl: Was unterscheidet Erststimme und Zweitstimme? Was ist ein Überhangmandat? Welche Parteien treten an? Auf dieser Seite finden Sie Hintergründe, Unterrichtsmaterialien und Erklärvideos zur Bundestagswahl und zum Thema Wahlen und Parteien in Deutschland.