Zwei Umfragen und zwei sehr unterschiedliche Ergebnisse. Ein aktuelles Beispiel für die Tiefen und Untiefen der Wahlumfragen

Sie haben das alle mitbekommen, das Drama um die Nominierung des Kanzlerkandidaten für die beiden Unionsparteien CDU und CSU. Laschet gegen Söder – am Ende ist es dann nach einem Ritt auf der Rasierklinge der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet geworden. Man kann sich vorstellen, zur Enttäuschung derjenigen, die aus welchen Gründen auch immer auf Söder gesetzt bzw. gehofft haben.

Ich hatte Ihnen am Anfang der vergangenen Veranstaltung diese Abbildung zur Verfügung gestellt mit der Bitte, einmal darüber nachzudenken, wie es zu so unterschiedlichen Ergebnissen vor allem die Anteile der Unionsparteien und der Grünen betreffend kommen konnte:

Die Forsa-Umfrage malte ein düsteres Bild für die Union. Laut den Daten fielen CDU und CSU nach der Ernennung von Armin Laschet zum Kanzlerkandidaten um ganze sieben Prozentpunkte auf 21 Prozent. Und die Grünen zogen vorbei, stehen nun ganz vorn mit 28 Prozent.

„Einen solchen Umschwung in dieser Größenordnung halte ich nicht für realistisch“: Mit diesem Satz kommentierte Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen die jüngsten Forsa-Zahlen. Und zur Wahrheit gehört auch: Es gibt noch andere Umfragen, so Thomas Sabin am 21.04.2021 unter der Überschrift Ist die Union nach der K-Entscheidung wirklich im freien Fall? In der Insa-Umfrage vom selben Tag fällt die Union um nur einen Prozentpunkt auf 27 Prozent. Die Grünen klettern um einen Punkt auf 22 Prozent.

Auch Sabin stellt sich die Frage: Welches politische Stimmungsbild stimmt denn nun? Der Autor begibt sich auf die Suche nach Antworten:

Da wäre beispielsweise der Aspekt, in welchem Zeitraum genau die Leute befragt worden sind:

„Die Unterschiede zwischen den beiden Umfragen können verschiedene Gründe haben“, erklärt Oskar Niedermayer, Politikwissenschaftler am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. „Zum einen kann das der Erhebungszeitraum sein.“ Bei der Insa-Umfrage wurde die Erhebung am 20. April und bei der Forsa-Umfrage am 19. und 20. April durchgeführt.« „Das ist entscheidend“, sagt Niedermayer. An diesen zwei Entscheidungstagen hat sich viel getan. „Am 19. war Söder noch im Rennen, seine Wähler konnten also noch hoffen.“ Sobald die Söder-Anhänger hörten, dass er von der Kandidatur zurückgetreten war, veränderte das auch das Bild der Umfragen. „Man kann also beide aufgrund des Befragungstages nicht direkt vergleichen.“

Und die Größe der Stichprobe:

Auch die Anzahl der Befragten spiele eine Rolle in der Betrachtung. Bei Insa waren es 1000, bei Forsa 1500 Befragte. „Daraus ergeben sich unterschiedliche Fehlertoleranzen, Räume in denen das Ergebnis liegen könnten.“ Berücksichtig man diese Faktoren, seien die Unterschiede gar nicht mehr so groß, sagt der Politikwissenschaftler.

Ein dritter Faktor ist die Methode:

„Beide Institute haben Telefoninterviews für die Erhebung genutzt.“ Doch am Wichtigsten sei die Gewichtung der Rohdaten. Die bekomme man aber nicht genannt. Das heißt: „Die Daten werden sozialstrukturell und nach anderen Faktoren gewichtet. Zum Beispiel machen manche Leute sozial erwünschte Angaben und geben nicht zu, dass sie beispielweise die AfD wählen“, so Niedermayer. Deshalb habe die AfD in den Rohdaten weniger Prozente als in den veröffentlichten Daten. Die Gewichtungsfaktoren seien die Geheimnisse der Institute.

Ich hatte bereits in der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass man nicht vergessen sollte, dass es auch die Möglichkeit bzw. die plausible Wahrscheinlichkeit gibt, dass einzelne Institute ein Stück weit Stimmung machen wollen für die eine oder andere Partei bzw. politische Richtung und damit nicht nur die abgefragte Stimmung in der Wahlbevölkerung abzubilden versuchen, sondern durch die „Gestaltung“ der veröffentlichten Ergebnisse Einfluss zu nehmen versuchen.

Abgerundet werden die Ausführungen in dem Artikel von Thomas Sabin mit einigen Hinweisen auf allgemeine Faktoren des Wahlverhaltens:

»Die wichtigsten Faktoren, die das Wahlverhalten und die Antwort auf Sonntagsfragen prägen, seien zum einen die Parteiidentifikation, das heißt die langfristige, gefühlsmäßige Bindung an die Partei. „Hier sind Wähler gefühlsmäßig stark an eine Partei gebunden und gehören zur Stammwählerschaft. Davon gibt es heute deutlich weniger als früher“, sagt Niedermayer.
Wichtiger seien heutzutage die kurzfristigen Faktoren. „Inhaltliche und personale Schlüsselentscheidungen beeinflussen die politische Stimmung nun stärker.“ Auch die Veränderung von Rahmenbedingungen, zum Beispiel sogenannte externe Schocks wie die Corona-Krise, würden sich stärker auf das Wahlverhalten und Umfrageergebnisse auswirken.«

Wenn wir schon bei Umfragen sind: Stabil hohe Umfragewerte – und einer sieht sogar ein Potenzial für 60 Prozent

Schaut man sich die aktuellsten Wahlumfragen an (die auf Umfragen basieren, die im Zeitraum 19.04 bis 26.04 stattgefunden haben), so wird hinsichtlich der Grünen erkennbar, dass die sich auf einem hohen Niveau einzupendeln scheinen, das in einem Korridor zwischen 23 bis 28 Prozent liegt. Ich habe Ihnen das mal grafisch dargestellt:

Der Umfragtrend für die Grünen hält also an. »Der Wahlforscher Matthias Jung sieht noch Steigerungspotenzial bei den Grünen, aber bremst auch die Euphorie«, berichtet Thomas Sabin unter der Überschrift Wahlforscher sieht Wählerpotenzial der Grünen bei 60 Prozent. Also das ist ja nun eine ganz andere Hausnummer. Kann das stimmen? Lesen wir weiter – wie immer muss man genau auf die verwendeten Begrifflichkeiten achten:

Der Wahlforscher Matthias Jung »beziffert das theoretische Wählerpotenzial der Grünen auf bis zu 60 Prozent. „Eine Mehrheit der Bevölkerung will mehr Ökologie und Klimaschutz“, sagte der Chef der Forschungsgruppe Wahlen … „Um 60 Prozent der Wähler können sich heute grundsätzlich vorstellen, ihre Stimme auch mal den Grünen zu geben“, erklärte der Wahlforscher.«

Wahlforscher Jung betont, dass es unklar sei, ob die Grünen ihre guten Umfragewerten bis zur Wahl halten können. „Die Halbwertszeit für politische Stimmungen ist sehr kurz geworden“, betonte er. Das sieht auch Oskar Niedermayer, Politikwissenschaftler am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin so. Fünf Monate vor der Wahl seien Umfragen aber nicht als Wahlprognose zu werten, so Niedermayer. „Da kann noch viel passieren, weil die Leute heute volatiler wählen.“

Aktuell jedenfalls punkten die Grünen laut Jung zunehmend im bürgerlichen Spektrum. „Es gibt auch seit längerem keinen Streit untereinander, anders als bei Union und SPD“, sagte der Wahlforscher. „Das kommt an beim bürgerlichen Publikum, insofern kochen die Grünen heute auch mit einem früheren Erfolgsrezept der Union“, fügte er hinzu.

Die Grünen auf einem durchaus brüchigen Höhenflug

Wer eine genauere Analyse zu den vielen Fragezeichen lesen möchte, die mit Blick auf die Bundestagswahl am 26. September 2021 hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Grünen derzeit angebracht werden, der oder die kann gerne diese Analyse von einem Journalisten lesen, der den Grünen durchaus nahe steht (was man auch immer wissen und berücksichtigen sollte): »Annalena Baerbock und die Grünen sind gerade im Honeymoon. Aber im anstehenden Wahlkampf lauern viele Fallen und Risiken. Eine Analyse« von Ulrich Schulte in der Tageszeitung taz unter der Überschrift Schwankend im Umfragerausch. Dort finden Sie übrigens auch einige Hinweise zu dem Entwurf eines Wahlprogramms, das ich Ihnen ja schon mit einigen Begleittexten zur Verfügung gestellt habe,1 dabei besonders auf den sozialpolitischen Teil des Programms verweisend. Schulte führt in seiner Analyse dazu aus:

»Um möglichst stark zu werden, achtet die Grünen-Spitze darauf, stromlinienförmig zu bleiben. Allzu linke Ideen sind aus dem Wahlprogrammentwurf verschwunden, den der Vorstand vor sechs Wochen vorlegte. Eine faire Erbschaftsteuer fehlt. Sie wäre ein Hebel für Umverteilung, wird aber von Wirtschaftsverbänden gehasst. Auch den „Klimapass“, der Klimaflüchtlingen die Migration in EU-Staaten ermöglichen würde, sucht man vergebens.« Das ist aus Sicht derjenigen, die den Wahlkampf planen und gestalten müssen, durchaus verständlich – aber man kann zugleich erwarten, dass die Weichspülerei diejenigen, denen es um inhaltliche Veränderungen geht, mehr als sauer aufstoßen wird. Wir dürfen gespannt sein.

1 Bündnis 90/Die Grünen (2021): Deutschland. Alles ist drin. Programmentwurf zur Bundestagswahl 2021, Berlin, März 2021