Es wird (wahrscheinlich) nicht wieder wie vorher – und dennoch wollen alle wieder zurück. Aus der Zwischenwelt von Vor-Corona und danach

Es ist für jeden offensichtlich – wir leben in einer ganz eigenartigen Zwischenwelt. Zwischen der uns allen so bekannten und von vielen geliebten Welt vor dem März dieses Jahres – und dem, was seither als „Corona-Krise“ höchst unvollständig tituliert wird, immer noch versehen mit der Inaussichtstellung, dass das bald vorbei sei, dass die Krise überwunden werden wird, dass es wieder ein Zurück geben wird in die alte Normalität, in der wir aufgewachsen sind und sozialisiert wurden. Und zunehmend fällt es vielen Menschen schwer in diesen sowieso grundsätzlich hektischen Zeiten noch abzuwarten, sich selbst zurückzunehmen und ein oder mehrere Gänge runterzuschauen. Das bricht sich dann immer öfter konflikthaft Bahn – in Form der bewussten Nicht-Einhaltung der Verhaltensauflagen, man denke hier an die Maskenpflicht und die Abstandsgebote. Das wird dann an der Oberfläche zu einem handfesten Problem für diejenigen, die das durchsetzen und die Verstöße verfolgen sollen, also Polizei und kommunale Ordnungsdienste. Davon werden wir noch genaueres erfahren, denn eine der Arbeitsgruppen unseres Seminars hat sich vor allem mit der Polizei in Corona-Zeiten beschäftigt.

Quelle der Abbildung: Volkart Wildermuth (2020): Aktuelle Zahlen und Entwicklungen, in: Deutschlandfunk Online, 09.07.2020

Aus dem Beitrag des Deutschlandfunks, dem auch die Abbildung entnommen wurde: »Covid-19 ist das neue Normal. Seit das Virus im Januar seinen Zug um die Welt begann, hat es das Leben in Europa und allen anderen Kontinenten dramatisch verändert. Anfangs brachte jeder Tag neue Erkenntnisse und Entwicklungen, inzwischen hat sich das Tempo verlangsamt … Dabei gilt nach wie vor: Die Dunkelziffer ist unbekannt, Teststrategien und Meldeverfahren unterscheiden sich von Land zu Land und verändern sich manchmal sprunghaft von einem Tag auf den anderen.« Und mit Zahlen, vielen Zahlen, haben wir uns ja auch hier beschäftigt, neben ihren Spezialthemen auch auf einer allgemeinen Ebene. Dabei sind so viele Fragen noch offen und unbeantwortet.

„Viele Faktoren haben wir nicht mal ansatzweise begriffen“ – so ist beispielsweise ein Interview überschrieben mit dem Medizinstatistiker Gerd Antes von der Universitätsklinik Freiburg (er war zudem viele Jahre Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums, wo man analysiert, welche klinischen Studien wirklich aussagekräftig sind und welche nicht): »Deutschland sei in Bezug auf Corona glimpflich davongekommen, ohne zu wissen warum … Es gebe noch erstaunlich viele Wissenslücken, deren Erfoschung zentral koordiniert werden sollte. Konkurrenz unter Wissenschaftlern sei jetzt fehl am Platze.«

Antes sieht durchaus Fortschritte – vor allem bei den klinischen Verläufen, die langsam immer besser verstanden werden auf Seiten der Krankenhausärzte, die immer besser begreifen, was das Virus eigentlich macht. Auch hinsichtlich der Folgeschäden, die nicht bei allen, aber bei einigen Patienten, die als „geheilt“ typisiert werden, offensichtlich zu beobachten sind.
➞ Vgl. hierzu bei Interesse diesen Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt: COVID-19-Symptome entlassener Patienten persistieren oft über Wochen.

Aber Antes sieht weiterhin gravierende Probleme – beispielsweise mit der Dunkelziffer und das in einem doppelten Sinn: »… wir wissen beides nicht. Wir wissen nicht, wer schon infiziert war, und wir wissen auch nicht, wer gegenwärtig infiziert ist.«

Er erläutert das am Beispiel der Zahlen, die uns immer noch täglich präsentiert werden – die (angebliche) Zahl der Infizierten, auch als „Corona-Fälle“ bezeichnet. Richtigerweise handelt es sich bei diesen Zahlen aber nicht um die Größenordnung der Infektionsfälle, sondern um die Anzahl der positiven Tests. Antes weiter: »Da diese Tests völlig willkürlich und … unter chaotischen Bedingungen ausgewählt werden und durchgeführt werden, können wir daraus nichts ziehen, außer dass wir vielleicht in dem einen Fall wissen, dass jemand, der den Test gemacht hat, positiv ist.«

Und noch schwieriger ist es bei der zweiten Dimension der Dunkelziffer, also hinsichtlich der Frage, wer denn bereits infiziert war. Hier geht es um Antikörptertests – »und da gab es bis vor Kurzem überhaupt keine zuverlässigen Tests.« Darüber wurde in diesem Blog ja gleich am Anfang unseres Seminars berichtet. Allerdings sagt er auch: »Das hat sich in den letzten Wochen massiv verbessert.«

Und ein weiterer Kritikpunkt, den Antes am Anfang der Pandemie vorgetragen hat, wird in dem Interview angesprochen – die Letalität des Virus: »Warum lässt sich denn die Frage, wie tödlich das Virus eigentlich ist, ist bis heute gar nicht so genau beantwortet. Da gehen die Meinungen ja auch sehr auseinander«, so der Interviewer. Dazu Antes: Die Erfassung von Todesursachen sei nicht nur mit Blick auf Corona ein Problem, sondern ein Dauerproblem schon vor Corona. Es geht hier um die eben nicht-triviale Frage: Ist jemand an oder mit Corona gestorben?
➞ »Nach derzeitigem Stand sterben anteilig mehr Menschen nach einer Infektion mit dem Coronavirus als durch sonstige Grippeviren. Wie viele der Infizierten tatsächlich an einer Erkrankung sterben, kann man derzeit kaum sagen. Schätzungen setzen die Letalität der Covid-19-Erkrankung auf etwa 0,3 bis 0,7 Prozent«, so diese Quelle: Coronavirus: Das wissen wir – und das nicht.

Am Ende des Gesprächs verweist Antes dann auf etwas, das kontrafaktisch zu den Ansprüchen eines Wissenschaftlers ist, zugleich aber deutlich den Stand markiert, den wir derzeit insgesamt erreicht haben – es geht hier um einen Rückblick auf die vergangenen drei Monate: »Also, wir haben, glaube ich, schon einen Mittelweg gefunden, aber auch dieser Mittelweg ist irgendwie nicht erklärbar. Also, wenn man auf die Länder schaut, wo auch die Maßnahmen ähnlich aussehen, dann sind wir in jeder Beziehung glimpflich davongekommen bisher, aber eigentlich wissen wir nicht so richtig, warum. Ich glaube, ein Teil davon war, zumindest zu Anfang, die Disziplin der Bevölkerung, die sehe ich gerade im Moment massiv bröckeln, aber kein Mensch kann erklären, warum es zum Beispiel, wenn man jetzt mal Schweden, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Italien anschaut, warum da diese Riesenunterschiede sind. Die meisten Erklärungen, die ich da sehe, die sind eigentlich Spekulation.«

Solche Interviews wie aber auch die vielen einzelnen Forschungsbefunde, die in letzter Zeit bekannt gemacht werden über die Medien, hinterlassen einen mehr als schalen, je nach Typus auch beunruhigenden Beigeschmack. Vor allem, wenn es um Anschlussfragen geht, die aber aus sozialwissenschaftlicher Sicht von elementarer Bedeutung sind.

➔ Beispiel 1: Man kann mit den vorliegenden Daten zumindest für Deutschland sagen, dass wir bis auf wenige Wochen keine coronabedingte Übersterblichkeit erkennen können – vgl. dazu ausführlicher meinen Blog-Beitrag Coronabedingte „Übersterblichkeit“ in Deutschland? Ein Update zur Entwicklung bis in den Juni 2020 vom 11. Juli 2020. Das ist beruhigend. Einerseits. Man könnte daraus die durchaus naheliegende Ableitung machen, dass es in den allermeisten Fällen also kein Problem sein sollte, wenn man mit Covid-19 infiziert wird. Zudem andere Studien aus den letzten Wochen auch noch gezeigt haben, dass viele Infizierte einen asymptomatischen Verlauf hatten, also nicht gemerkt haben. Und dann wird man mit solchen Meldungen konfrontiert: Scientists warn of potential wave of brain damage linked to Covid-19: »Scientists warned … of a potential wave of coronavirus-related brain damage as new evidence suggested Covid-19 can lead to severe neurological complications, including inflammation, psychosis and delirium. A study by researchers at University College London (UCL)described 43 cases of patients with Covid-19 who suffered either temporary brain dysfunction, strokes, nerve damage or other serious brain effects. The research adds to recent studies which also found the disease can damage the brain.«

➔ Beispiel 2: Die Sommerferien haben begonnen und rechtzeitig wurden viele Urlaubsdestinationen in Südeuropa wieder geöffnet und dort hofft man auf möglichst viele Urlauber gerade aus Deutschland. Und die werden in Flieger gesetzt – was angeblich völlig ungefährlich sein soll, obwohl die Maschinen vollständig bestückt werden mit Passagieren, die eng beieinander sitzen müssen. Weil angeblich die Luft in den Kabinen gleichsam keimfrei gehalten wird. Und dann wird man auf der anderen Seite konfrontiert mit Meldungen, dass ein Superspreader durchaus in der Lage ist, ein Virus bis zu zwölf Reihen nach vorne zu verteilen.

Die angesprochenen offenen Anschlussfragen können Sie sich bestimmt selbst stellen. Antworten darauf sind allerdings schwer zu geben – und wenn Sie überzeugende Vorschläge haben, immer her damit, das wäre preisverdächtig.