Erste Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Corona-Forschung: Von der Einsamkeit und einer derzeit noch (?) starken Resilienz

Ich hatte Ihnen am Anfang des Seminars einige Hinweise gegeben auf sozialwissenschaftliche Forschungsansätze, mit denen das, was wir derzeit als „Corona-Krise“ erleben, begleitend untersucht werden soll (vgl. dazu den Beitrag Die Corona-Krise diesseits und jenseits der virologischen Expertise: Ein originär sozialwissenschaftliches Thema vom 10. April 2020). Natürlich stellt sich die Frage, ob es bereits erste Erkenntnisse gibt aus den Befunden der Wissenschaftler. Schauen wir dazu beispielsweise auf die Arbeit des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Deren Wissenschaftler berichten beispielsweise:

»Die Eindämmungsmaßnahmen im Zuge der Corona-Ausbreitung haben das Leben vieler Menschen in Deutschland grundlegend geändert. Welche Konsequenzen dies neben ökonomischen Folgen auch für die psychische Gesundheit der Bevölkerung hat, darüber wurde in den vergangenen Wochen viel spekuliert. Die ökonomische Unsicherheit, die Mehrbelastung durch Homeoffice oder Kinderbetreuung und die fehlenden sozialen Kontakte – all dies könnte zu einem wesentlichen Anstieg der psychischen Belastung in der deutschen Bevölkerung führen. Aktuelle Ergebnisse der SOEP-CoV-Studie zeigen nun, dass die Menschen hierzulande den ersten Monat des Lockdowns besser verkraftet haben als erwartet. Zwar steigt die subjektive Einsamkeit im Vergleich zu den Vorjahren erheblich an, andere Indikatoren für psychische Belastungen (Lebenszufriedenheit, emotionales Wohlbefinden und Depressions- und Angstsymptomatik) sind jedoch bisher unverändert. Dies deutet auf eine starke Resilienz der Bevölkerung hin.«

Das und mehr findet man in dieser Veröffentlichung:

➔ Theresa Entringer und Hannes Kröger (2020): Einsam, aber resilient – Die Menschen haben den Lockdown besser verkraftet als vermutet. DIW aktuell Nr. 46, Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, 09.06.2020

Die in dieser Auswertung präsentierten Ergebnisse basieren auf ersten Daten der SOEP-CoV-Studie auf Basis der Langzeitbefragung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) und umfassen den April 2020, der erste volle Monat, in dem in Deutschland die Eindämmungsmaßnahmen im Zuge der Corona-Krise galten. Es geht um die Frage, wie der Lockdown das Niveau der selbstberichteten psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens der in Deutschland lebenden Menschen im Vergleich zum Niveau der Vorjahre beeinflusst hat.

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens sowie die Kontaktbeschränkungen haben der Umfrage zufolge zu einem auffälligen Anstieg der subjektiven Einsamkeit der Menschen in Deutschland geführt. Einsamkeit ist natürlich ein weites Feld, aber warum bei vielen Forschern an dieser Stelle die Warnlampen angehen: Chronische Einsamkeit ist gefährlich, da sie Ursache vieler weiterer psychischer (wie Depressionen und Angststörungen) und physischer Erkrankungen (wie Diabetes, Übergewicht, Herz- und Kreislauferkrankungen) sein kann.

»Während die in Deutschland lebenden Menschen im Jahr 2017 im Mittel relativ wenig einsam waren (Durchschnittswert = 3,0 im Wertebereich von 0 bis 12, niedrige Werte geben niedrige Einsamkeitsgefühle an), zeigt sich während der Corona-Krise ein deutlicher Anstieg der Einsamkeit (Durchschnittswert = 5,4). Bei diesem Anstieg handelt es sich um einen Anstieg um fast eine Standardabweichung – was in etwa bedeutet, dass eine Person, die im April 2020 durchschnittlich einsam ist, vor Corona im Jahr 2017 zu den 15 Prozent der einsamsten Menschen in Deutschland gezählt hätte.«

Gibt es differenziertere Ergebnisse?, Ja, die gibt es:

»Eine Analyse der Verteilung der Einsamkeit über unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zeigt, dass fast alle Gruppen einen vergleichbar starken Anstieg der Einsamkeit angeben. Zwei Gruppen sind jedoch besonders betroffen: Frauen und junge Menschen

Wenn man nun meint, dass das Auswirkungen auf andere problematische Bereiche hat, dann geben das die aktuellen Zahlen nicht her: »Interessanterweise zeigt sich, dass andere Kennzeichen des Wohlbefindens und der psychischen Gesundheit trotz des starken Anstiegs der Einsamkeit der in Deutschland lebenden Menschen bisher unverändert sind. Das gilt beispielsweise für die Lebenszufriedenheit, das emotionale Wohlbefinden sowie die Depressions- und Angstsymptome in der Bevölkerung.«

Aber eine Veränderung in einer anderen Dimension ist interessant: »Im Gegensatz zu der nahezu stabilen Lebenszufriedenheit in der Gesamtbevölkerung lässt sich beim Blick auf Einkommensgruppen eine interessante Veränderung im Vergleich zu der Zeit vor der Krise feststellen.« Und die ist diskussionsbedürftig:

»In den vergangenen Jahren wiesen Personen mit einem niedrigen Einkommen regelmäßig eine niedrigere Lebenszufriedenheit auf und Menschen mit hohem Einkommen eine höhere. Dieser Unterschied zwischen den Einkommensgruppen war über die Zeit sehr stabil. Im April 2020 gleichen sich diese Unterschiede an: Über alle Einkommensgruppen hinweg wird im April 2020 eine ähnliche Lebenszufriedenheit berichtet. Personen aus Haushalten mit niedrigerem Einkommen haben eine höhere Lebenszufriedenheit, während bei Personen aus Haushalten mit hohem Einkommen die Lebenszufriedenheit leicht sinkt.«

Die Lebenszufriedenheit steigt bei Personen mit niedrigem Einkommen und sinkt bei Personen mit hohem Einkommen, so die Befunde der Wissenschaftler.

➔ In dem Paper werden keine Gründe für diese den einen oder anderen möglicherweise irritierenden Befunde genannt, man muss schon selbst spekulieren. Ein Ansatzpunkt wäre beispielsweise die These, dass die Verlusterfahrungen durch die zahlreichen Einschränkungen und den damit einhergehenden wegbrechenden Entfaltungsmöglichkeiten bei denen, die über das dafür notwendige Einkommen verfügen, größer ist als bei denen, die auch schon vor Corona aufgrund ihrer materiellen Situation mehrfach restringiert waren.

Der erwähnte deutliche Anstieg der Einsamkeit sollte unbedingt weiter kontrolliert werden, also dahingehend, ob sich das mit den Lockerungen wieder zurückbildet. Denn: »Anhaltende Einsamkeit ist eine Ursache vieler psychischer Erkrankungen. Es ist also denkbar, dass sich die gestiegene Einsamkeit – sollte sie nicht wieder zurückgehen – langfristig auf das Wohlergehen und die psychische Gesundheit auswirken wird. Es muss im Verlauf der nächsten Monate beobachtet werden, ob die subjektive Einsamkeit unter der Bevölkerung weiter ansteigt und man darauf reagieren muss, oder ob sie nach einer Lockerung der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen wieder sinkt.«