Zur Psychologie der „Corona-Typen“

Wir alle sind nicht außenstehende Beobachter dessen, was gerade hier passiert und unter dem großen, erst einmal abstrakten Begriff von der „Corona-Krise“ behandelt wird. Wir sind alle Teil davon und hinsichtlich der Frage, wie wir damit umgehen, was wir derzeit (nicht) erleben, spielt wie sonst auch der Typus eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie kennen das aus anderen Zusammenhängen, vor allem aus kritischen Lebensereignissen: Die einen reagieren eher aggressiv, andere hingegen depressiv auf eine scheinbar gleiche Situation. Je nach Typ eben. Und auch die Bewältigungsversuche in viralen Zeiten variieren in Abhängigkeit von unterschiedlichen Typen.

Das ist auch Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Forschung: »Der Psychologe Stephan Grünewald untersucht, wie die Deutschen in der Corona-Krise ticken. Er sagt: Es gibt acht verschiedene Typen«, berichtet Maria Fiedler in ihrem Artikel, der unter der bezeichnenden Überschrift „Für einige die Vorhölle, für andere ein ungestörtes Idyll“ steht. Bereits hier können wir erkennen: Das Spektrum ist ziemlich weit aufgespannt. Stephan Grünwald arbeitet seit vielen Jahren beim rheingold institut: Psychologische Markt-, Medien- und Kulturforschung, so die Selbstbeschreibung dessen, was die machen. Und das geht dann so weiter: »Seit drei Jahrzehnten entwickeln wir die tiefenpsychologische Marktforschung. Sie allein ermöglicht uns den wissenschaftlichen Blick hinter die seelischen Kulissen der Konsumenten, der Wähler, der User, der Zuschauer und liefert uns unverfälschte Einblicke für ein tiefgründiges Verstehen psychologischer Verhaltensweisen und Motive.«

Grünwald führt mit einem Team psychologische Tiefeninterviews durch, um herauszufinden, wie die Menschen durch die Pandemie kommen. Schauen wir uns den Typologisierungsversuch von Grünwald also einmal genauer an.

Zuerst beschreibt er ein Phasenmodell (Hervorhebungen nicht im Original:

1. »Die ganze Coronakrise folgte einer Dramaturgie. In der ersten Phase, zu Beginn der Pandemie, herrschte bei vielen angesichts der unsichtbaren Bedrohung ein starkes Ohnmachtsgefühl. Das versuchten sie mit Hamsterkäufen oder ständigem Händewaschen zu bekämpfen. Es gab einen kollektiven Brems-Aktivismus – einen Schulterschluss zwischen Politikern, Virologen, Medien und Bürgern mit der Hoffnung: Wenn wir uns gemeinsam gegen das Virus stellen, dann können wir es besiegen.«

2. »Die zweite Phase kam mit dem Lockdown. Es war die Phase des Zweifelns und der Polarisierung. Da wurde die Frage laut: Sind die Maßnahmen angemessen? Und es kamen Konflikte auf: Jung gegen Alt, Freiheitsgläubige gegen Staatsgläubige, Wirtschaft versus Gesundheit.«

Aber nun sind ja zahlreiche Einschränkungen wieder aufgehoben oder zumindest gelockert.

3. Wir befinden uns derzeit in der dritten Phase – »der Phase der Wehmütigkeit und der Traurigkeit, weil wir zwar vieles wieder dürfen – aber trotzdem nichts ist wie zuvor. Diese Trauer schlägt bei manchen auch in Wut um.«

Mit Blick auf die Erfahrungen aus den Tiefeninterviews berichtet Grünwald: »Verblüfft hat mich, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten der Menschen waren. Ein Teil der Menschen erlebte die Coronakrise als eine Art Vorhölle. Die hatten materielle und existenzielle Nöte oder waren mit der Kombination von Homeoffice und Kinderbetreuung völlig überfordert.
Auf der anderen Seite gab es jene, die die Entschleunigung genossen haben. Verliebte Paare, die berichteten, sie hätten so viel Sex wie noch nie. Mütter mit frisch geborenen Babys, die das Ganze als ungestörtes Idyll erlebten. Oder Studenten, die wieder bei ihren Eltern einzogen und Spieleabende zelebrierten. Und für die Leute, die sich in dieser Art Corona-Biedermeier eingerichtet hatten, hätte es ruhig noch eine Weile so weitergehen können. Die nahmen einen Armin Laschet, der für Lockerungen plädierte, als einen wahr, der sie aus dem Paradies vertreiben will.«

Wenn man den folgenden Passus liest, dann könnte man zu dem Eindruck kommen, dass es „Gewinner“ der Krise gegeben hat: »Privilegiert in der Coronakrise waren vor allem Beamte, Rentner oder Arbeitnehmer, die in Kurzarbeit gingen, aber einen sicheren Job hatten und finanziell keine Sorgen. Aber ja: Alle, die sich gut gefühlt haben mit dem Lockdown, hätten ihn gern noch länger gehabt. Vordergründig natürlich aus gesundheitlichen Gründen. Unbewusst aber eben auch, weil ihnen die Zeit gefallen hat.«

»Wir haben insgesamt acht verschiedene Typen im Umgang mit der Coronakrise identifiziert«, berichtet Grünwald:

➞ Da gibt es zum Beispiel jene, die in der Not erfinderisch werden. Das sind Menschen, die in Kreativberufen arbeiten, als Eventmanager oder Schauspieler, denen der Lebensinhalt massiv wegbricht. Die versuchen zwar aus der Not eine Tugend zu machen und entwickeln viele Ideen. Aber sie sehnen sich danach, ihr Hotel, ihre Bar oder ihre Eventagentur wieder öffnen zu können.

➞ Dann gibt es die, die in der Coronakrise noch mehr arbeiten als vorher. Sie erleben, dass sich ein Videomeeting ans nächste reiht. Ihnen fehlen die Dehnungsfugen im Alltag, die Pausen und Fahrten zum Termin. Sie würden gern wieder ins normale Leben zurückkehren, weil sie Angst haben, in der Betriebsamkeit zu kollabieren.«

Und mit Blick auf die explizit genannten Mütter, die im Homeoffice arbeiten, aber sich gleichzeitig um die Kinderbetreuung kümmern müssen:
➞ Wir nennen sie die überforderten Multitasker. Sie waren vorher schon an der Belastungsgrenze und ihre Situation hat sich durch Corona noch einmal verschärft.

➞ Wir sehen auch eine Gruppe von Menschen, die komplett den Halt verloren haben, weil sie finanzielle Sorgen haben oder weil sie vorher schon depressiv waren. Sie fühlen sich, als ob das Leben ihnen entgleitet.

➞ Außerdem gibt es die Aufbegehrer. Die zweifeln am lautstärksten. Sie sehen nicht das Virus, sondern den Staat als Aggressor, der sie in ihren Freiheitsrechten einschränkt. Sie verbringen viel Zeit im Internet, um Beweise dafür zu finden, dass sie recht haben und das Virus gar nicht so gefährlich ist. Diese Menschen sind auch anfällig für Verschwörungstheorien.

➞ Die Corona-Biedermeier, die sich sehr angenehm in ihrem kleinen Lebenskreis eingerichtet haben.

➞ Dann sehen wir jene, die sich sehr stark abschotten, weil sie vorher schon mit der Welt gefremdelt haben. Sie achten penibel auf Hygiene und reagieren sehr aggressiv, wenn im Supermarkt jemand in ihre Bannmeile tritt.

➞ Und der achte Typ sind die Menschen, die Corona als eine Art Vorruhestand erleben. Sie sind meistens schon etwas älter und haben sehr viel Projekte im Kopf, die sie angehen können: den Keller aufräumen, die Akten aussortieren, den Wintergarten pflegen.

Vor allem aus der Gruppe der Aufbegehren speisen sich diejenigen, die zu den lautstarken Protestversammlungen gegen die Corona-Auflagen gegangen sind.

»Aber es gibt sicher ein Potenzial von 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung, die nicht so radikalisiert sind, aber die doch große Zweifel haben an dem, was an Restriktionen ausgesprochen wurde. Die Gefahr ist: Wenn man alle Zweifler zu rechten Verschwörungstheoretikern erklärt, dann drängt man sie aus dem gesellschaftlichen Diskurs heraus und stellt sie in eine Ecke, wo sie nicht hingehören.«

Und Grünwald verknüpft zum Ende des Interviews die schwierige dritte Phase mit dem, was vor Corona schon war und immer noch da ist – und was im Zusammenspiel durchaus Anlass zur Besorgnis geben kann:

»Wir befinden uns wie gesagt gerade in der Phase, in der wir zurückkehren ins Leben. Damit kommen aber auch all die Probleme zurück, die wir vorher schon in Deutschland hatten: die Polarisierung, die Orientierungsprobleme, die Visionslosigkeit und die Wertschätzungsprobleme – also dass ein Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, die Eliten schauten auf sie herab. All das, was vorher schon Sprengstoff barg, kommt wieder zurück und sattelt sich noch auf Corona drauf. Das führt dazu, dass wir so eine rumorende Stimmung haben, die sich durchaus noch verschärfen kann.«