Die Ambivalenz von Pest, Pocken oder Cholera: Pandemien führen oft zu Abschottung und Polarisierung. Aber auch zur Verbesserung der sozialen Umstände

In meinem letzten Beitrag hatte ich bereits einen Ausflug in die Geschichte der Seuchen und deren Auswirkungen gemacht – und erstaunlich waren die vielen Parallelen zu heute. Dieser Ansatz soll hier noch weiter verfolgt werden.

»Grenzen dicht? Rufe nach dem starken Staat? Massenhaft Verschwörungstheorien? Wenn man sich mit Historikern wie Malte Thießen über die Entwicklung der Gesellschaft in der Coronakrise unterhält, dann sagt er zwischendrin gern: „Das ist Standard.“ Oder: „Das passt ins Bild.“ Der Münsteraner Forscher wirkt, als könnte ihn derzeit wenig überraschen. Denn: Eines seiner Spezialgebiete ist die Geschichte der Gesundheit. Und er sieht viele Parallelen zwischen Corona und den Reaktionen auf frühere Pandemien.« So beginnt dieser Artikel von Maria Fiedler: Wie Pandemien die Gesellschaft verändern. Die Erkenntnisse der Medizinhistoriker lassen sich in sieben Thesen zusammenfassen:

1. Seuchen sind ein Katalysator: Eine Pandemie fördert gesellschaftliche Tendenzen offener zu tage – positive wie negative. Es wird verstärkt, was ohnehin vorhanden ist. Solidarität, Eigeninitiative, auch die Bereitschaft, die Schwächsten der Gesellschaft zu schützen – das seien gute Eigenschaften, die durch die Seuche verstärkt würden. Aber es würden eben gleichzeitig negative Stereotype und Vorurteile verstärkt – und die Neigung, das Fremde als Bedrohung zu sehen. „In der Geschichte wurden immer die Randgruppen als Seuchenträger identifiziert, die Armen, die Schmutzigen oder die mit Migrationshintergrund“, so Malte Thießen. In der Weimarer Republik und im Dritten Reich habe man Osteuropäer und Juden als Überträger von Fleckfieber und Pocken gesehen. Der HIV-Ausbruch in den 80er Jahren habe zu einer noch stärkeren Diskriminierung von Homosexuellen geführt. Auch während der Corona-Pandemie gab es anfangs eine starke Zunahme rassistischer Anfeindungen und Übergriffe gegen asiatisch aussehende Personen.

2. Zur Bekämpfung der Seuche dehnt der Staat seinen Einfluss aus: Pandemien waren schon immer die Stunde der Exekutive. Seit der Pest der Frühen Neuzeit sei der Staat dafür zuständig gewesen, Städte abzuriegeln und Infizierte unter Quarantäne zu stellen. Eine Pandemie erhöht die Präsenz einer Ordnungsmacht.

Der Hamburger Medizinhistoriker Philipp Osten wird mit diesem Beispiel zitiert: Ende des 18. Jahrhunderts breiteten sich die Pocken – eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten für den Menschen – wegen der Zunahme des Reiseverkehrs rasant aus. Doch ab 1800 stand ein Impfstoff aus weniger gefährlichen Kuhpocken zur Verfügung. Bayern führte 1807 als erster Staat weltweit die Impfpflicht ein. Und um alle Kinder zu erreichen, hätten Amtsärzte dann die Taufregister der Kirchen in Impflisten überführt, berichtet Osten. Daraus seien die ersten Einwohnermelderegister geworden. Sie waren später von großem Nutzen. „Über die Medizinalverwaltung bekam der Staat Kontrolle über seine Untertanen.“

Im 20. Jahrhundert hat man bei der Seuchenbekämpfung zunehmend auf Appelle, Freiwilligkeit und Aufklärung. Dennoch sei der Wunsch nach autoritären Maßnahmen nicht verschwunden. So habe man in den 80er Jahren darüber diskutiert, HIV-Infizierte in spezielle Heime einzuweisen.

3. Pandemien verstärken nationalen Wettbewerb und Abschottung: Schon während der Pest hätten sich Städte komplett abgeriegelt. Auch in der Coronakrise konnte man eine Abschottung auf nationaler, regionaler und sogar auf lokaler Ebene beobachten. Das ist erneut ein Rückschritt, denn im 20. Jahrhundert habe sich eigentlich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass es zur Bekämpfung von Pandemien grenzüberschreitende Kooperation brauche. Aber auf der Welt gibt es schon seit mehreren Jahren einen Trend zum Nationalismus und Isolationismus. Jetzt sei ein Wettrennen um die besten Impfstoffe und Medikamente zu beobachten.

4. Seuchen werden oft politisch instrumentalisiert: Ein anschauliches Beispiel seien die Polio-Epidemien in den 50er und 60er Jahren gewesen. Während in der BRD jährlich Tausende Kinder an der Krankheit litten, wurden in der DDR Massenschluckimpfungen durchgeführt, so dass man kaum Probleme mit Kinderlähmung hatte. Während des Mauerbaus bot die DDR Bundeskanzler Konrad Adenauer an, der BRD sofort mit drei Millionen Impfdosen zu helfen – was dieser ablehnte. Die DDR wollte natürlich auch beweisen, wie gut sie in der Seuchenbekämpfung war.

Gibt es nicht auch positive Erkenntnisse aus der Geschichte? Doch, die gibt es:

5. Pandemien fördern soziale und medizinische Verbesserungen: Großen Einfluss auf die Gesellschaft hatten auch die Cholera-Epidemien in den 1830er Jahren. Danach sei etwa die Ausbildung für Mediziner erheblich verbessert worden. Vorher gab es eine Unterteilung in Wundärzte, die als Chirurgen eine Handwerkerlehre am Patienten absolviert hatten. Und die akademischen Mediziner, die an den Universitäten auf Latein unterrichtet wurden, aber in ihrer Ausbildung wenig mit Menschen zu tun hatten.
Die Cholera als Wendepunkt: Nach einem schweren Ausbruch in Hamburg etwa hatte man erkannt, dass die Kanalisation und das Sanitätswesen verbessert werden mussten. Es wurde klar, dass es nichts bringt, den Einzelnen zu schützen, sondern dass man die Lebens- und Arbeitsbedingungen aller verbessern muss, wenn man die Gesellschaft gesund halten will.

Medizinischen Fortschritt brachte auch die Spanische Grippe hervor. Die 1918 beginnende Pandemie forderte zwischen 25 und 50 Millionen Menschenleben. Die Spanische Grippe hat insbesondere auf dem Gebiet der Virologie sehr innovativ gewirkt. Man habe zwar vorher schon Viruskrankheiten wie Pocken und Gelbfieber gekannt. Aber in den 1920er Jahren begann man die Viren selbst eingehend zu untersuchen. Anfang der 1930er Jahre konnte man mit dem Elektronenmikroskop erstmals Viren sichtbar machen, seit den 1940er Jahren gab es Grippeimpfungen.

Aber eben auch:

6. Seuchen sorgen für eine Polarisierung in der Gesellschaft: Seuchen sorgen für eine extreme Polarisierung. Da wird nur noch in Gegenbegriffen gedacht: Freiheit oder Zwang. Schwarz oder weiß. Auch heute sehen wir dieses Muster erneut: Die einen fürchten sich vor den Lockerungen der Corona-Maßnahmen und dem Anstieg der Neuinfektionen. Die anderen gehen ohne Mundschutz auf die Straße, um gegen diese Lockerungen zu demonstrieren. In der Coronakrise kommt hinzu, dass die Gesellschaft schon vorher enorm polarisiert gewesen sei. Auch hier wirkt die Seuche wieder als Verstärker.

7. Seuchen sind ein Nährboden für Verschwörungstheorien: Eine der stärksten Impulse für unser Verhalten ist die Angst. Gerade kollektive Ängste seien häufig mit katastrophalen Fehlentwicklungen und Wahnideen gepaart. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass auch Verschwörungstheorien zu Zeiten von Pandemien ins Kraut schießen. Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben, suchen sie Strategien, um damit umzugehen. Eine Strategie ist, auch da Muster zu sehen, wo keine sind. Auch in der Coronakrise sind krude Theorien an der Tagesordnung. Neu ist aber deren Sichtbarkeit durch die sozialen Medien. Da bekommen Dinge Aufmerksamkeit, die sich sonst versendet hätten.

Interessant ist dieser Befund: Erstaunlicherweise hatten die Infektionskrankheiten im 20. Jahrhundert sehr wenig Nachhall. Man ging stets schnell wieder zur Tagesordnung über. Es habe zwar anfangs sehr besorgte Reaktionen gegeben, aber dann schnell ein Abstumpfungseffekt eingesetzt. Wenn die Vorsorge greift, sinkt das Problembewusstsein. So waren Masern oder Diphtherie bis zur Entwicklung der Impfung sehr bedrohliche Krankheiten. Aber mittlerweile sind sie aus unserem Problembewusstsein verschwunden. Obwohl man die Krankheit locker ausrotten könnte, tritt sie immer wieder auf, weil manchen die Vorsorge nicht so wichtig erscheint.

Der Medizinhistoriker Thießen befürchtet in der Coronakrise einen ähnlichen Effekt: „Das ist das Präventionsparadoxon: Vorsorgemaßnahmen und Impfungen werden meist Opfer ihres eigenen Erfolgs.“