Pest und HIV: Aus der Geschichte in den SARS-CoV-2-Zeiten lernen?

„Wie viele schöne Frauen, wie viele anmutige Jünglinge hatten am Morgen mit ihren Verwandten, Gesellen und Freunden gespeist, um am Abend desselben Tages in der anderen Welt mit ihren Ahnen zu tafeln.“
(Giovanni Boccaccio in Decamerone, wahrscheinlich verfasst in den Jahren zwischen 1349 und 1353).

Auch wenn wir den Eindruck haben, dass das eine einzigartige Erfahrung ist, die wir in der aktuellen Corona-Pandemie machen müssen – es gab schon in der Vergangenheit immer wieder Seuchen und Pandemien.

Foto: SARS-Coronavirus-2 (SARS-CoV-2, Isolat SARS-CoV-2/Italy-INMI1). Elektronenmikroskopie, Negativkontrastierung (PTA). Maßstab: 100 nm. Quelle: Tobias Hoffmann, Michael Laue, Robert Koch-Institut (RKI), 2020. SARS-Coronavirus-2 (SARS-CoV-2, Isolate SARS-CoV-2/Italy-INMI1). Negative staining electron microscopy, PTA staining. Scale bar: 100 nm. Source: Tobias Hoffmann, Michael Laue, Robert Koch Institute (RKI), 2020. 

»Pandemien wie SARS-CoV-2 gab es immer wieder im Laufe der Menschheitsgeschichte. Zu den verheerendsten zählt die Pest, die im Spätmittelalter etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte. Die Katastrophe hatte weitreichende Folgen für die weitere Entwicklung des Kontinentes«, so dieser Beitrag des Deutschlandfunks: Als die Pest die Welt im Würgegriff hielt. Sie können sich den auch als Podcast anhören.

Die Pest

»Tatsächlich waren die Menschen der Seuche hilflos ausgeliefert: Man kannte weder Ursache, noch Wesen der Pest, und erst recht keine wirksame Therapie. Die Seuche hat zwischen 1347 und 1350 schätzungsweise 25 Millionen Menschen dahingerafft, etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas.« Auch wenn das schon viele Jahrhunderte her ist – es gibt interessante Parallelen zu der heutigen Krise:

„Man weiß, dass die Pest aus dem asiatischen Raum kam, höchstwahrscheinlich über die Seidenstraße, aus China oder anderen ostasiatischen Ländern, und dass sie vermutlich durch die Handelsbeziehungen zwischen Ost und West befördert worden ist. Die Freigabe der Seidenstraße im 14. Jahrhundert durch die Mongolenherrschaft ermöglichte es, mit dem Osten wieder Handel zu treiben.“ So die Erläuterungen von Daniel Schäfer, Medizinhistoriker am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Köln. »Der wachsende transkontinentale Handel über die Seidenstraße und übers Mittelmeer brachte die Pest in die großen Hafen- und Handelsstädte: Messina auf Sizilien, Genua, später auch Venedig und Marseille. Von dort griff sie auf ganz Europa über, bis hinauf nach Norwegen und Island. Die Forschung hat auch den Erreger und die Infektionsweise aufgeklärt. Es handelte sich bei der damaligen Pest, wissenschaftlich Yersinia pestis, um eine bakterielle Infektionskrankheit. Übertragen wurde sie, so Daniel Schäfer, nach Ansicht der meisten Forscher durch den Rattenfloh, der irgendwann auf den Menschen übergewechselt sei.«

Und auch das ist ein interessanter Aspekt mit Blick auf das, was wir heute erleben: „Es gab erst mal immer wieder die Tendenz in ganz verschiedenen Städten und Orten, diese Seuche zu verharmlosen. Das ist der erste Reflex gewesen, weil man tatsächlich im Stadtrat, gerade in den Handelsstädten, auch immer den Druck gespürt hat, dass solche Gerüchte dem Handel schaden, eine Schließung der Stadttore sowieso. Deswegen versuchte man erst einmal das zu ignorieren, und auch ärztliche Gutachten herbeizuschaffen, die eben das Gegenteil bewiesen haben, also dass eben keine Pest vorliegt“, so der Medizinhistoriker Daniel Schäfer.

Sie alle kennen heute das, was mit dem Begriff „Quarantäne“ als ein wichtiger Bestandteil aus dem Instrumentenkasten der Bekämpfung der Ausbreitung des Virus verbunden wird. Dazu erfahren wir sehr weit rückblickend: »Erst bei einer zweiten Pestwelle entwickelte man 1377 in Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, eine erste wirksame Maßnahme gegen die Seuche: die Quarantäne. Vom Wort „quaranta“, also vierzig Tage, in denen die Infizierten auf einer Insel streng isoliert wurden.«

Und denken Sie mal an die völlig bescheuerten Aufläufe von Demonstranten gegen die Anti-Corona-Maßnahmen, die teilweise in Gewalt gegen die Polizeibeamten vor Ort ausgeartet sind, die wieder einmal ihren Kopf und ihre Gesundheit hinhalten müssen – und an die unzähligen Verschwörungstheorien, die gerade in den sozialen Netzwerken derzeit verbreitet werden und die offensichtlich bei vielen auf irgendeinen Resonanzboden fallen. Der Blick ins Mittelalter zeigt uns, dass sich offensichtlich zahlreichen Menschen seitdem nicht weiterentwickelt haben:

»Die Gesellschaft des Mittelalters deutete die Seuche als Strafe Gottes. Man veranstaltete Bittgottesdienste und Massenprozessionen, die freilich selber zur Verbreitung der Pest beitrugen. Die kollektive Angst schlug aber auch in Gewalt gegen andere um. Es kam quer durch Mitteleuropa zu einer mörderischen Judenverfolgung. Die Juden wären an der Pest schuld, da sie die Brunnen vergiftet hätten. Doch hinter der Verschwörungstheorie und hinter dem davon erhitzten und enthemmten Pöbel war vielerorts auch eiskalte Berechnung am Werke, wenn es zu den Massakern an den Juden kam.«

Die Folgen der Pest im Mittelalter waren verheerend: »Die Pestwelle, so das Fazit der Forschung, hat die mittelalterliche Gesellschaft in jeder Hinsicht zersetzt und ruiniert, demografisch, wirtschaftlich, aber auch moralisch. Häuser und Höfe verwahrlosten, soziale Rücksichten und zwischenmenschliche Bindungen zerfielen, sogar zwischen Eheleuten und in der Familie. Über der Not und dem Elend stumpften die Menschen ab und verrohten.«

Aufschlussreich für die Gegenwart ist aber noch ein anderes Forschungsergebnis: Die Pestwelle hat in bestimmten Bereichen zu einer sozialen Distanzierung geführt, die nachhaltig war. Ein Beispiel dafür liefert uns der Medizinhistoriker Daniel Schäfer: „Etwas, was tatsächlich aufhört, ist der im Hochmittelalter noch weit verbreitete Brauch des gemeinsamen Bades, also das Bad am Samstagabend, was eine uralte Tradition hat, öffentliche Badehäuser, die es damals in den Städten überall gab, die hören tatsächlich durch die Pest auf. Und die gibt es dann nicht mehr.“

Zeitsprung: Näher an die Gegenwart: Aids

»Fernsehen, Radio und Zeitungen der 1980er Jahre hatten ein Dauerthema: Aids. Die durch HIV ausgelöste Immunkrankheit forderte zunächst vor allem in den USA massenhaft Todesopfer. 1981 wurden dort die ersten Fälle der Krankheit beschrieben, die sich daraufhin weltweit verbreitete – Aids wurde zur Pandemie«, so beginnt der Deutschlandfunk-Beitrag HIV und Corona – Viren der globalen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, den Sie sich ebenfalls als Podcast anhören können.

Mit Blick auf die aktuelle Medien-Berichterstattung über das Corona-Thema: »Mitte der Achtziger erfolgte die Berichterstattung über HIV und Aids über klassische Massenmedien, erklärt Brigitte Weingart, Professorin für Medientheorie an der Universität der Künste in Berlin: „Das steht in keinem Vergleich zu der Corona-Berichterstattung auf allen Kanälen, die wir jetzt erleben. Also, es gab natürlich keine HIV-Ticker auf tagesschau.de, und keine Social Media Debatte. Und nichtsdestotrotz hat man auch zu diesem Zeitpunkt, also Anfang der Achtziger, schon von einer Medienhysterie gesprochen.“«

Und auch hier wieder – die Verschwörungstheorien: »Sowohl in den Anfangsjahren von HIV in den 1980er Jahren als auch in der aktuellen Corona-Pandemie lässt sich eine gesellschaftliche Verunsicherung feststellen. Insbesondere, wenn das entsprechende Virus noch nicht gänzlich erforscht ist, wimmelt es von Ursprungsmythen und nichtwissenschaftlichen Erklärungen. Verschwörungstheorien rund um HIV gab es ebenso wie heute über Corona.« Interessant auch die Parallele zu der Frage der Schuld an dem Virus-Ausbruch und den gegenwärtig laufenden Auseinandersetzungen vor allem zwischen den USA und China: »HIV ist ja unter Bedingungen des Kalten Kriegs aufgekommen. Da wurde das wahlweise sozusagen den Sowjets oder den USA zugeschrieben, dieses Virus in den Laboren ausgeheckt zu haben.«

Auch bei Aids gab es höchst prominente Verleugner: »Ronald Reagan, in den 1980er Jahren US-Präsident, ignorierte die Immunkrankheit Aids vier Jahre, bevor er sie öffentlich erwähnte. Heute, während der Coronakrise, gibt es ebenfalls verleugnende Multiplikatoren … Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro verharmlost COVID-19 vehement. Auch irreführende Bezeichnungen prägen die öffentliche Wahrnehmung.«

Gesellschaftliche und individuelle Diskriminierung waren in den 1980er Jahren an der Tagesordnung: »Auch Aids wurde in der Anfangszeit begrifflich auf eine bestimmte Gruppe projiziert. Bevor sich das Wort Aids etabliert hatte, hieß die Krankheit Grid – aufgrund der Anfangsbuchstaben von Gay Related Immune Deficiency. Auf Deutsch kursierte auch die Bezeichnung „Schwulenpest“. Betroffene Infizierte litten unter gesellschaftlicher Ausgrenzung.« Heute findet eine solche Schuldzuweisung gegenüber Asiaten oder asiatisch-Aussehenden statt.

Nicht nur bei Corona – der arme globale Süden zieht erneut den Kürzeren:

„Somalia hat kein einziges Beatmungsgerät, es gibt andere Länder, die vielleicht drei oder vier haben, es wird eine Katastrophe sein.“ Und das ist nicht nur mit Blick auf die neue Corona-Pandemie ein Problem – auch HIV ist ja nicht verschwunden oder besiegt, die Krankheit kann nur medikamentös begleitet werden, wenn man denn im reichen Norden der Welt leben darf, denn:

»Auch die medizinische Versorgung gegen Aids ist nicht flächendeckend gesichert. Nur etwa die Hälfte der knapp 38 Millionen HIV-Infizierten weltweit hat Zugang zu antiretroviralen Medikamenten, die das Virus im Körper kontrollieren. Dass sich Infizierte die Therapie nicht leisten können, ist verstärkt ein Problem des Globalen Südens.«

»Sobald die Medizin einen Impfstoff gegen Corona entwickelt haben wird, könnten die Chancen gegen COVID-19 global ähnlich verteilt sein, wie heute der Zugang zu den Medikamenten gegen Aids«, so eine durchaus plausible Prognose.

Unter dem Aspekt der globalen Chancenverteilung scheint sich abzuzeichnen, dass die großen Verlierer der Coronakrise, ähnlich wie bei der HIV-Pandemie, jenseits der Industrienationen zu verorten sind.

Seien Sie glücklich und dankbar, dass Sie und wir alle auf der Sonnenseite leben dürfen.