Ärger mit dem „R“-Wert? Dann glätten wir den eben

Im letzten Beitrag habe ich versucht, Sie mitzunehmen in die Tiefen und Untiefen des R-Wertes, der ja gerade in diesen Tagen wieder heftig diskutiert wird nach dem (angeblichen) Anstieg (wieder) über 1. Aber das Robert-Koch-Institut (RKI) hat eine „Lösung“ für das Problem der nicht so schönen Schwankungen unter Berücksichtigung der „magischen Grenze“ von 1, die sich auch durch viele Statements von Politikern bis hin zu der ersten Physikerin des Landes, also unserer Bundeskanzlerin, die immer wieder vor der Presse versucht hat, die Bedeutung eines R-Werts von deutlich unter 1 zu erläutern.

Und jetzt das: Alles neu macht der Mai, auch die Reproduktionszahl, an die wir uns gerade erst als Maßzahl gewöhnt hatten (vgl. dazu beispielsweise Die Zahl, auf die alle schauen). Denn das Robert Koch-Institut hat klargestellt: R ist bei der Bewertung der Ausbreitung des Virus nicht allein entscheidend. Wichtig seien auch die Zahl der Neuinfektionen im Tagesvergleich, die Zahl der positiv ausgefallenen Tests und die Auslastung des Gesundheitswesens, so der RKI-Vizepräsident Lars Schaade. Da sich das Infektionsniveau mit dem Coronavirus in Deutschland einem Plateau annähere, kann die Ansteckungsrate auch künftig um den Wert von eins liegen. Bei geringen Fallzahlen veränderten einzelne Ausbrüche wie an Schlachthöfen die Ansteckungsrate schnell. Das Institut will deshalb künftig auch eine Ansteckungsrate veröffentlichen, die einen längeren Zeitraum berücksichtigt – den sogenannten stabilen oder geglätteten R-Wert. Was ist das denn nun? Selbst das führende Fachmagazin der Virologie, also die BILD-Zeitung, scheint zu verzweifeln:

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen stagniert bei knapp 1.000. Vor kurzem hielt das RKI diesen Wert für noch zu hoch, nun gilt er als akzeptabel. Malte Kreutzfeldt schreibt dazu unter der Überschrift Kein Rückgang? Kein Problem!: Der über 7 Tage gemittelte Wert der Neuinfektionen hat sich auf einem relativ konstanten Niveau von 900 bis 1.000 Fällen pro Tag eingependelt. Die Reproduktionszahl, die angibt, wie viele weitere Menschen jeder Infizierte im Schnitt ansteckt, schwankte in den letzten Tagen um den Wert von 1.
„Wir nähern uns einem Plateau der täglichen Fallzahlen an“, erklärte RKI-Vizepräsident Lars Schaade am Dienstag in seiner Pressekonferenz (die habe ich Ihnen im letzten Beitrag verlinkt).

Ist das nun viel oder schon wenig? »Ob die Zahl von rund 1.000 Neuinfektionen am Tag eine erträgliche Größenordnung ist, darüber gibt es … unterschiedliche Ansichten – offenbar auch innerhalb des Robert-Koch-Instituts. Als entscheidend gilt, ob die Gesundheitsämter in der Lage sind, für alle neuen Fälle die engen Kontakte zu ermitteln, um sie in Quarantäne zu schicken oder testen zu können«, so Kreutzfeldt in seinem Artikel.

»Auf die Frage, wo diese Grenze liege, hatte RKI-Vizepräsident Schaade am 24. April noch gesagt, dafür sei erforderlich, „dass diese Fallzahlen auf wenige hundert pro Tag sinken“. Nur vier Tage später antwortete RKI-Präsident Lothar Wieler auf die gleiche Frage, er würde „grob von einer Zahl von 1000 ausgehen“ – was genau jenem Wert entspricht, der erreicht war, als die Politik weitreichende Lockerungen der Corona-Maßnahmen beschlossen hat. Eine echte Erklärung für diesen Unterschied gibt es nicht. „Das ist letztlich eine Einschätzungsfrage“, erklärte Schaade am Dienstag – verbunden mit der Behauptung, wenige hundert und 1000 seien „nicht so weit auseinander, dass das nun als echter Widerspruch interpretiert werden kann“.«

➔ Die bereits angesprochene BILD-Zeitung hatte die Ausführungen des RKI-Vizepräsident Lars Schaade vom gestrigen Dienstag unter dieser Headline verarbeitet: RKI gibt Entwarnung beim R-Wert: »Die riesige Angst vor dem wieder angestiegenen R-Wert – sie war offenbar überzogen! Am Dienstagmorgen gab das Robert-Koch-Institut (RKI) Entwarnung: Der Wert zeige derzeit keinen neuerlichen Anstieg, sondern eine Stagnation der Corona-Infektionszahlen in Deutschland.« Immerhin findet man hier einen Hinweis darauf, was man sich unter einem „geglätteten“ R-Wert vorstellen muss (wenn man das nicht schon geahnt hat): »Wegen der geringer werdenden Fallzahlen würden jedoch einzelne regionale Ausbrüche wie zuletzt in Schlachthöfen den R-Wert stärker beeinflussen als zuvor … Um solche Schwankungen besser auszugleichen, werde das RKI künftig einen sogenannten geglätteten R-Wert mitteilen, aus dem einzelne Corona-Hochburgen herausgerechnet werden.«

Ob nun ein paar Hundert oder 1.000 – kein großer Unterschied? Das aber kann man nun auch anders sehen – wie das Helmholtz-Institut für Infektionsforschung in einer gemeinsamen Studie mit dem ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, die heute veröffentlicht wurde:

➔ Florian Dorn et al. (2020) Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona- Pandemie. Eine gemeinsame Studie des ifo Instituts (ifo) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). ifo Schnelldienst digital 6/2020, 13.05.2020

»In dieser wird gefordert, „die Zahl der Neuinfektionen auf rund 300 Fälle pro Tag zu reduzieren“. Erst dann könne davon ausgegangen werden, dass die Gesundheitsämter in der Lage sind, alle Kontaktpersonen zu identifizieren.
Helmholtz- und ifo-Institut plädieren deshalb gemeinsam dafür, zunächst nur leichte, schrittweise Lockerungen der Corona-Beschränkungen vorzunehmen. So könne die Reproduktionszahl bei 0,75 gehalten werden, bis die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf 300 gesunken ist. Das sei nicht nur aus gesundheitlicher Sicht vorteilhaft, sondern auch aus ökonomischer.
Eine stärkere Lockerung wäre wirtschaftlich zwar kurzfristig günstiger. Doch die Beschränkungen müssten dann so lange bestehen bleiben, „dass die wirtschaftlichen Kosten über den gesamten Zeitraum der Jahre 2020 und 2021 insgesamt höher ausfallen würden“.
Anders als viele Unternehmensverbände plädiert das wirtschaftsnahe ifo-Institut als Konsequenz aus der Anlyse darum für Zurückhaltung. „Vor diesem Hintergrund müssen die weitergehenden Lockerungen, die in allen Bundesländern Anfang Mai beschlossen wurden, kritisch beobachtet werden“, heißt es in der Studie.«

Wie hießt es bei den alten Statistikern hinsichtlich der Aussagefähigkeit von Kennzahlen?

Genau: Vorsicht ist die Mutter der statistischen Porzellankiste.