Die Corona-Krise diesseits und jenseits der virologischen Expertise: Ein originär sozialwissenschaftliches Thema

Wir leben in viralen Zeiten. In den zurückliegenden Wochen hat eine besondere Berufsgruppe eine sicher vorher für unvorstellbar gehaltene Aufmerksamkeit erfahren: die Virologen. Nicht nur in den Medien werden gefühlt alle derzeit lebenden Vertreter dieser Fachrichtung aktiviert und vor die Kamera gezogen, auch die Politik stützt sich bei der Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden (müssen), weitgehend auf die virologische Expertise. Das ist natürlich auch naheliegend in der Lage, in der wir uns befinden. Aber nicht nur die Ereignisse haben sich in den wenigen Wochen, die hinter uns liegen, überschlagen, auch die Maßnahmen, die zwischenzeitlich im wahrsten Sinne des Wortes über uns gekommen sind.

Allerdings hat das nun sicher jeder und jede mitbekommen: Diese Maßnahmen gegen eine zu schnelle Ausbreitung des Virus sind nicht nur von Bedeutung für die medizinischen und pflegerischen Versorgungskapazitäten in einem Land, sie haben auch enorme Folgewirkungen, die uns noch lange nach der Krise beschäftigen werden. Man denke hier beispielsweise an die wirtschaftliche Auswirkungen der gegenwärtigen und noch anhaltenden Stilllegung weiter Teile des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens. Oder an die Folgen für die Kita- und Schulkinder sowie deren Familien bis hin zu den immer wieder und immer öfter vorgetragenen Befürchtung, dass beispielsweise die häusliche Gewalt in manchen Familien aufgrund der Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote zunehmen wird. Das sind Themen, die im Mittelpunkt sozialwissenschaftlichen Denkens stehen (sollten).

Es ist also naheliegend, dass auch und gerade Sozialwissenschaftler versuchen, die Ereignisse, in denen wir alle derzeit verstrickt sind, mit sozialwissenschaftlichen Methoden zu erforschen und gesellschaftliche Folgen zu beschreiben bzw. einzuordnen.

Sie alle haben sicher in den vergangenen Wochen die zahlreichen Statistiken und die herumgereichten Zahlensalate vor Augen bzw. im Ohr. Statistiker müssten sich eigentlich freuen, noch nie in der jüngeren Vergangenheit waren ihre Produkte (scheinbar) so gefragt wie in den gegenwärtigen Corona-Zeiten. Überall wird man mit mehr oder weniger gehaltvollen Grafiken konfrontiert und viele Menschen starren gebannt auf solche Zeitreihen:

Täglich bestätigte Zahl an Infektionen in ausgewählten Ländern (Datenbasis: Johns Hopkins University):

➔ Countries around the world are working to “flatten the curve” of the coronavirus pandemic. Flattening the curve involves reducing the number of new COVID-19 cases from one day to the next. This helps prevent healthcare systems from becoming overwhelmed. When a country has fewer new COVID-19 cases emerging today than it did on a previous day, that’s a sign that the country is flattening the curve. This analysis uses a 5-day moving average to visualize the number of new COVID-19 cases and calculate the rate of change. This is calculated for each day by averaging the values of that day, the two days before, and the two next days. This approach helps prevent major events (such as a change in reporting methods) from skewing the data.

Auch und gerade in den modernen Sozialwissenschaften wird viel mit Statistiken und statistischen Kennzahlen gearbeitet – und eines der Kernkompetenzen sollte die immer auch kritische Reflexion der Daten und der aufbereiteten Statistiken sein. Was können die aussagen – und was eben nicht? Wie muss man die Werte interpretieren? Welche methodischen Fallstricke gilt es zu beachten?

Gerade in den gegenwärtigen Zeiten wird an vielen Stellen erkennbar, dass das kritische Hinterfragen der Daten von großer Bedeutung ist, damit man zum einen nicht falsche bzw. nicht wirklich datenbasierte Schlussfolgerungen aus dem Material zieht, zum anderen aber wird mit Ableitungen aus den – wie wir noch ausführlich in einem separaten Beitrag sehen werden – durchaus diskussionsbedürftigen Zeitreihen und Prozentwerten nicht selten eine „falsche Sicherheit“ vermittelt, man habe etwas zahlengestützt im Griff. Und wir sollten immer mitdenken, dass die Entwicklung beispielsweise der Entwicklung der (erfassten und ausgewiesenen) täglichen Infektionszahlen sowie der Zahl der (tatsächlichen wie auch der erwarteten) COVID-19-Erkrankungen ganz maßgeblich dazu beigetragen haben, dass umfangreiche Eingriffe in unsere gesellschaftliches und individuelles Leben vorgenommen worden sind, die zu einem bislang so noch nie erlebten „Shutdown“ geführt haben.

Und alles hat bekanntlich seinen Preis, das gilt natürlich auch für das, was wir in den zurückliegenden Wochen erlebt haben und immer noch erleben.

Die Erforschung der gesellschaftlichen Folgen der Pandemie und ihrer Bekämpfung – die Sozialwissenschaftler setzen sich in Bewegung

»Die medizinische Forschung zum neuen Corona-Virus läuft weltweit auf Hochtouren. Rund um die Uhr arbeitet die Wissenschaft an Impfstoffen und Medikamenten, um die Pandemie möglichst bald ausbremsen zu können. Aber auch die nichtmedizinischen Folgen wie Ausgangssperren, Quarantäne und Homeoffice haben – so sinnvoll sie auch sein mögen – zu erwartende soziale, ökonomische und psychologische Nebenwirkungen. Denn die historische Zäsur der Covid-19-Pandemie verändert das Leben und Arbeiten der Menschen gerade in grundstürzender Weise. Von den erdrutschartigen Ereignissen zunächst überrumpelt, sind die Sozialwissenschaften nunmehr dabei, sich neu zu organisieren. Denn trotz des aktuell notwendigen Fokus auf medizinische Fragen ist es geboten, auch die gesellschaftlichen Implikationen von Corona mit systematischer Forschung zu begleiten.« So der Hinweis von Christoph David Piorkowski in seinem Artikel „Die Ängste mischen sich mit Hoffnungen“. Erste Ansätze sind im Entstehen, diverse Studien gehen an den Start.

➔ Als ein Beispiel aus dem Artikel von Piorkowski: »So hat etwa das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) unter corona-alltag.de eine Umfrage ins Netz gestellt, die die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitssituation und das Familienleben der Menschen in Deutschland untersucht. Dabei soll die Studie prozesshaft aktualisiert werden – die Teilnehmenden sind dazu aufgerufen, die Veränderungen ihrer Situation im Fortgang der Krise zu dokumentieren.« Die bei der Studie federführende Soziologin Lena Hipp wird dann hinsichtlich der mit der Studie verbundenen Zielsetzung so zitiert: »Den Forschenden geht es um die Frage, wie Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen von den nichtmedizinischen Auswirkungen der Seuche betroffen sind. Welchen Einfluss haben etwa Alter, Geschlecht und Herkunft auf die einschlägige Krisenerfahrung? Variieren die typischen Sorgen zwischen den verschiedenen Gruppen? Eine Hypothese, die es nun empirisch zu verifizieren gelte, ist, dass die besagten Wirkungen des Virus sozial geschichtet sind, sagt Hipp. Tatsächlich scheint sich die Klassenstruktur unserer Gesellschaft momentan wie unter einem Brennglas zu zeigen. Die urbane Mittelschicht zieht sich in ihre Wohnungen zurück und lässt sich vom systemrelevanten aber chronisch unterbezahlten Dienstleistungsproletariat Kisten mit Getränken ins Homeoffice schleppen.« Wir werden sehen, ob und was bei dieser Online-Umfrage herauskommen wird.

➔ »Empirisch schon etwas weiter ist eine laufende Studie des Instituts für Psychologie und Arbeitswissenschaft (IPA) an der Technischen Universität Berlin.« Diese Corona-Umfrage geht der Frage nach, wie Risiken in der Gesellschaft wahrgenommen und medial kommuniziert werden. »Die Umfrage läuft, bis das Robert-Koch-Institut die Krisenlage für beendet erklärt und ist öffentlich, d.h. jede/r kann daran täglich, manchmal oder auch nur einmal teilnehmen. Die Umfrage ist kostenlos und dauert nur ein paar Minuten. Es werden Ihnen Fragen zu ihrer Wahrnehmung der aktuellen Lage und Ihren Reaktionen gestellt«, so die Hinweise für (potenzielle) Teilnehmer an der Umfrage. Die Ergebnisse werden laufend der Öffentlichkeit präsentiert. Dort findet man beispielsweise immer einen Wochenrückblick auf die Entwicklung der Umfrageergebnisse. Hier aus dem Wochenrückblick 06.04.-09.04.2020: »Viele Kommentare in unserer Studie diskutieren in der letzten Woche den Umfang und auch die rechtlichen Grundlagen der derzeitigen freiheitseinschränkenden Maßnahmen. Insbesondere die Unsicherheit über deren Dauer wurde als belastend empfunden: „Wie sinnvoll ist ein Lock-Down mit zunehmender Zeit, wenn es wirtschaftlich doch so sehr schadet?“, fragt eine Studienteilnehmerin und spricht damit ein aktuell in der Wahrnehmung wachsendes Dilemma der derzeitigen Krise an: Gesundheit gegen Wirtschaft. Aber auch die mangelnde mediale Auseinandersetzung mit anderen Inhalten des lokalen und Weltgeschehens wird zunehmend thematisiert: „Es ist schon erstaunlich, wie der Virus alles in den Hintergrund stellt. Die verheerenden Buschfeuer in Australien? Fast unbemerkt ausgegangen…“ Die bisher viel thematisierte Abwägung des individuellen Risikos und der individuellen (Un-)Freiheiten mit dem gesellschaftlichen Risiko durch knappe Ressourcen im Gesundheitssystem steht damit nicht mehr alleine im Mittelpunkt der Diskussion. Die Priorität des Corona-Virus relativiert sich also in der Gegenüberstellung mit anderen Krisenereignissen; der Schwerpunkt politischer Argumentationslinien auf den Schutz der Bevölkerung durch die Kontaktsperre wird von einigen Studienteilnehmer*innen nunmehr als einer unter vielen wichtigen Aspekten in dieser Krisenzeit beschrieben. Diese Entwicklung deckt sich mit Ergebnissen der repräsentativen Mannheimer Corona-Studie in der eine Veränderung der Akzeptanz der Maßnahmen und des Verhaltens seit Beginn der Krise in der Bevölkerung festgestellt wurde … Die Akzeptanz sei insgesamt nach wie vor hoch (das zeigt auch unsere Studie jeden Tag aufs Neue). Dennoch habe insbesondere die Akzeptanz drastischer Maßnahmen, wie beispielsweise von Ausgangsperren, abgenommen, obwohl eine Analyse des SPIEGELS zeigt, dass diese im Vergleich zu anderen Ländern in Deutschland eher moderat ausfallen.«

Piorkowski ergänzt in seinem Artikel zu den ersten Befunden und Interpretationen dieser Studie: »Der Leiter der Studie, Markus Feufel, forscht dazu, wie Risiken in der Gesellschaft wahrgenommen und medial kommuniziert werden. Dabei könne man schon jetzt sagen, dass die Corona-Krise bei aller Einzigartigkeit doch ein typisches sozialpsychologisches Reaktionsmuster aktiviere: Auf eine Phase von Abwehr und Verharmlosung folgte die Etappe ernsthafter Auseinandersetzung und der fast einmütigen Forderung nach umfassenden Maßnahmen, die in einer weiteren Pendelbewegung nun ihrerseits hinterfragt werde. Tatsächlich hat wohl jeder zu Beginn der Epidemie den bald schon bereuten Satz artikuliert, Corona sei nicht schlimmer als die Grippe. Dieselben Personen haben dann kurze Zeit später die soziale Isolation gefordert. Im Anschluss an eine fast flächendeckende Befürwortung des gesellschaftlichen Shutdowns mehren sich nun wieder die kritischen Stimmen, die das Verhältnis der sozialen, ökonomischen und psychologischen Schäden im Vergleich zum medizinischen und versorgungsstrukturellen Nutzen erörtern wollen. „Die Kritik wird sich verstärken“, sagt Feufel. Die Debatte sei gerade erst dabei, sich auszudifferenzieren. Aktuell erklären der TU-Studie zufolge aber noch 90 Prozent der Menschen, dass sie ihr Verhalten vollständig den vom RKI formulierten Vorsichtsmaßnahmen angepasst hätten.

Immer wieder erwähnt wird die ➔ Mannheimer Corona-Studie. Auf deren Website findet man diesen Hinweis: »Wir alle in Deutschland sind von der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen betroffen. Die Methodik des German Internet Panel bietet eine einzigartige Möglichkeit, diese Auswirkungen tagesaktuell in einer qualitativ-hochwertigen Stichprobe der allgemeinen Bevölkerung zu untersuchen.« Grundlage der Studie sind tägliche stichprobenartige Befragungen per E-Mail. Dafür greifen die Wissenschaftler auf den Datensatz des „Germann Internet Panel“ (GIP) zurück, in dem mehr als 3.000 Studienteilnehmer registriert sind. Zwar erhebt die Untersuchung keinen Anspruch darauf, repräsentativ für die Bevölkerung zu sein. Dennoch will die Studie die „Grundgesamtheit“ der allgemeinen Bevölkerung „möglichst genau abbilden“. Auf der Website der Mannheimer Corona-Studie findet man Tagesberichte, Wochenberichte sowie Schwerpunktberichte. Zu den Schwerpunktberichten vgl. als Beispiel
➞ Katja Möhring et al. (2020): Die Mannheimer Corona-Studie: Schwerpunktbericht zu Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung, Mannheim, 09.04.2020

Über diese Studie und einige erste Befunde daraus wurde am 2. April 2020 unter der Überschrift Deutsche halten sich an „Social Distancing“ – aber akzeptieren Ausgangssperre nicht berichtet: »Eine Studie der Universität Mannheim zeigt, dass die Deutschen ihr Leben in der Corona-Krise drastisch umgestellt haben. Für flächendeckende Ausgangssperren aber haben sie keine Akzeptanz. Und auch das Homeoffice bleibt ein Randphänomen.«
Die ersten Ergebnisse der Mannheimer Studie zeigen deutlich, welche gravierenden Verhaltensänderungen stattgefunden haben: »Die Forscher um Datenwissenschaftlerin Annelies Blom beobachten zum Beispiel, dass die Häufigkeit, in der sich Menschen mit Freunden treffen, in den vergangenen Wochen deutlich gesunken ist. Vor den Ausgangsbeschränkungen hätten sich so 42 Prozent der Menschen mehrfach pro Woche mit anderen Menschen getroffen, zwischen dem 25. und 31. März seien es nur noch fünf Prozent gewesen. 69 Prozent der Deutschen sind demnach dazu übergegangen, sich „gar nicht mehr“ mit Freunden zu treffen, und beugen sich der Vorgabe des „Social Distancing“. Die Akzeptanz dieses Verzichts auf soziale Kontakte spiegelt sich auch bei einer anderen Frage. So akzeptieren 95 Prozent der Menschen ein Veranstaltungsverbot und 92 Prozent die Schließung öffentlicher Einrichtungen. Deutlich kritischer würden die Menschen flächendeckende Ausgangssperren sehen. Diese wären nur für 41 Prozent der Befragten akzeptabel. Noch ablehnender stehen sie einer potenziellen Einstellung des Nahverkehrs gegenüber, die Akzeptanz liegt bei 21,4 Prozent. Ebenso ist zu erkennen, dass die Akzeptanz aller Maßnahmen im Lauf der Woche leicht abgenommen hat.« Und noch ein interessanter Aspekt: »Die Studie zeigt aber auch: Fast 60 Prozent der Deutschen arbeiten weiter regulär „vor Ort“, nur 21,2 Prozent sind ins Homeoffice gewechselt. 6,1 Prozent der Befragten befinden sich in Kurzarbeit, 12,7 Prozent wurden mit oder ohne Lohn freigestellt.«

Wie wirkt das, was gemacht wird – und was muss dabei bedenken?

Schon sind wir eingestiegen in einige der mittlerweile angelaufenen Studien-Versuche seitens der empirischen Sozialwissenschaft. Aber neben der hoch relevanten und überaus komplexen Frage nach den Methoden und der Datenqualität gibt es auch noch die Frage nach den möglichen Wirkungen bestimmter Maßnahmen. Dazu muss man natürlich auch theoriegeleitete Überlegungen anstellen. Zu den damit verbundenen Komplexitäten dieses Beispiel:

Rolle von sozialen Normen in der Corona-Krise: »Die Eindämmung der Corona-Pandemie verlangt nach einer grundlegenden Änderung im Sozialverhalten der gesamten Bevölkerung. Um diese zu erreichen, haben Regierungen im In- und Ausland unterschiedlichste Massnahmen verhängt, die bislang in westlichen Demokratien typischerweise weniger drakonisch ausgefallen sind als in weniger demokratischen Ländern. Unter expliziter Bezugnahme auf die demokratische Grundordnung setzen Regierungssprecherinnen in Pressekonferenzen und Virologen in Podcasts stattdessen auf Appelle an die Bevölkerung, um Verhaltensänderungen mit möglichst wenig Staatsgewalt zu erreichen. Solche Appelle können ihre Wirkung vor allem dann entfalten, wenn sie sich als soziale Norm etablieren.« Das ist nun einer dieser sozialwissenschaftlichen Grundbegriffe. Lesen wir weiter: »… bei den Appellen (stehen) die Konsequenzen des eigenen Tuns für Dritte im Vordergrund: Wenn Ihr im Supermarkt hamstert, bekommen die Krankenschwestern am Abend nichts mehr. Wenn Ihr Euch ansteckt, mag das nur ein kleines Risiko für Euch bedeuten, wenn Ihr jung seid; aber Ihr gefährdet andere, deren Risiko höher liegt. Diese Appelle sind in der Fernsehberichterstattung gerne untermalt mit Bildern, die die Verletzung der Norm illustrieren: leergefegte Regale und Partys im Park.«
Aber: »Diese Bebilderung mag aus dramaturgischen Gründen naheliegend sein, aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist sie jedoch schwierig. Wenn es um soziale Normen geht, müssen wir ganz grob zwischen zwei Spielarten unterscheiden: Injunktive Normen sagen einem, was andere gutheißen; deskriptive Normen dagegen sagen, was andere tatsächlich tun. Bei einem mit Bildern leerer Regale unterlegten Appell, nicht zu hamstern, steht die injunktive Norm („Wir wollen nicht, dass Ihr hamstert“) in klarem Widerspruch zur deskripten Norm („Wir zeigen Euch: Es hamstern alle“). Individuelles Verhalten wird zwar durch beide Arten von Normen beeinflusst, aber deskriptive Normen sind besonders leicht zu erfassen – unsere Intuition, dass etwas, was alle tun, kaum falsch sein kann, ist stark ausgeprägt. Das führt dazu, dass injunktive Normen nur dann eine Chance haben, sich gegen deskriptive durchzusetzen, wenn die Umgebung ihre Bedeutung besonders stark hervorhebt.«
Was wäre eine Konsequenz aus solchen Unterscheidungen: »Noch besser wäre es freilich, in einem Beitrag gegen das Hamstern oder für das Prinzip des Social Distancing erst gar nicht die Negativbeispiele zu zeigen, sondern Bilder zu verwenden, in denen sich Menschen verantwortungsbewusst an die injunktive Norm halten – also zum Beispiel mit kleinen Einkaufskörben und großem Abstand zueinander vor der Supermarktkasse Schlange stehen. So würde nämlich die Information über das, was die Menschen tun, mit der Information über das, was sie tun sollten, in Einklang gebracht.«
Quelle: Hande Erkut, Steffen Huck und Johannes Leutgeb (2020): Leere Regale durch Bilder leerer Regale. Ein Beitrag zur Rolle von sozialen Normen in der Corona-Krise, 8. April 2020

Ich denke, diese ersten Beispiele haben Ihnen bereits verdeutlichen können, wie anspruchsvoll die Versuche sind und sein müssen, aus sozialwissenschaftlicher Sicht einen Zugang zu finden zu dem, was derzeit in Echtzeit um uns herum (und natürlich auch mit uns) abläuft.

Abschließend wieder zurück auf die „Meta-Ebene“: »Um die Effekte der politischen Entscheidungen zu überprüfen, braucht es derzeit vor allem valide Daten. Liefern könnte diese die empirische Sozialwissenschaft«, so Andreas Diekmann in seinem Beitrag Gegen den Blindflug. »Wie man in den Sozialwissenschaften weiß, ist es ungemein schwierig, komplexe Systeme durch gezielte Interventionen zu steuern. Ob Finanzkrisen oder Pandemien – es gibt Zeitverzögerungen, Rückwirkungen, vielfache Wechselwirkungen und unbeabsichtigte Nebenfolgen. Dietrich Dörner hat in seinem Wissenschaftsbestseller „Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen“ an zahlreichen Beispielen anschaulich gezeigt, wie sich gute Absichten oft ins Gegenteil verkehren. Noch schwieriger ist die Steuerung, wenn es kein Feedback über die Wirkung von Maßnahmen gibt. Die britische Regierung hat zunächst den Weg der Politik einer „kontrollierten“ Infektion eingeschlagen, um in der Corona-Krise „Herdenimmunität“ zu erreichen. Wenig später musste umgesteuert werden. Damit ging Zeit verloren für andere Maßnahmen wie Schulschließungen und Versammlungsverbote, die die meisten EU-Staaten ergriffen haben.«

Allerdings: »Noch aber haben wir keine Gewissheit, ob die Maßnahmen greifen. Deutschland hat sich für eine Politik zunehmender sozialer Distanzierung entschlossen. Diese wird auch durch die Ergebnisse von Simulationsmodellen mit unterschiedlichen Szenarios gestützt. Doch alle Modelle basieren auf Annahmen und verlässliche Daten sind rar. Wie tödlich ist das Virus wirklich? Wie viele Menschen sind infiziert? Wie viele leicht, mittelschwer und schwer? Und wie entwickelt sich das alles über die Zeit? Es ist richtig Maßnahmen einzuleiten, die Wirkung zu kontrollieren, dann zu adjustieren, eventuell Maßnahmen zu verschärfen oder zu lockern. Erstmals wird eine Art experimenteller Politik geprobt. Nur benötigt man für experimentelle, evidenzbasierte Politik verlässliche Daten, um die Wirksamkeit der Therapie und die nötige Stärke der Dosis in jeder Phase beurteilen zu können. Die womöglich sehr hohe Dunkelziffer der Infektionen lässt sichere Schlüsse nicht zu, nicht über die wirkliche Ansteckungsgefahr und nicht über die Tödlichkeit des Virus. Außerdem können Träger des Virus, die von ihrer Infektion nichts wissen, auch nicht gewarnt und isoliert werden. Sie stecken andere an und tragen unwissentlich zur Verbreitung bei.«

Diekmann formuliert dann diese entscheidende Frage: Wer kann verlässliche Daten gewinnen?

Er verweist auf eines der klassischen Instrumente der empirischen Sozialwissenschaften: »Die Digitalkonzerne kennen unser Verhalten, unsere Mobilitätsmuster, welche Biersorte wir bevorzugen, wo wir den Urlaub verbringen (oder besser verbrachten) und welche Filme wir auf Netflix streamen. Trotz Unmengen von Big Data wissen wir hingegen wenig über die Verbreitung des Virus. Es gibt in der Statistik und Umfrageforschung aber ein probates Mittel, um solche Informationen zu gewinnen: Wenn Katastrophen passieren, politische Ereignisse eintreten oder Wahlen geplant sind, können Umfrageinstitute sehr schnell Meinungen, Reaktionen und Wahlabsichten anhand einer repräsentativen Stichprobe erheben.«

Nach Diekmann würde jetzt die Stunde der empirischen Forschung schlagen (müssen): »Um wirklich verlässliche Daten zu gewinnen, wäre es sinnvoll, eine größere Zufallsstichprobe von Personen aus den Gemeinderegistern zu ziehen, diese auf das Virus testen und in einer kurzen telefonischen oder schriftlichen Befragung Angaben zu demografischen Merkmalen, Mobilität und sozialen Netzwerken einholen.«

Und er verweist anhand eines Beispiels darauf, dass es solche Ansätze auch schon vor Corona gegeben hat: »Solche Gesundheitsstudien sind eigentlich nichts Neues. Im Rahmen des einzigartigen und größten Projekts, der „Nationalen Kohorte“ (NAKO), werden seit 2014 Befragungsdaten und zugleich medizinische Daten anhand einer Zufallsstichprobe von 200.000 Personen im Alter von 20 bis 69 Jahren erhoben. In 18 über das Bundesgebiet verteilten Studienzentren werden Blutproben, Speichelabstrich, Stuhlproben, Nasenabstrich und Urinproben entnommen und mit Befragungsdaten unter strengen Datenschutzauflagen verknüpft. Bei einer Teilgruppe von 30.000 Personen wird sogar das bildgebende MRT-Verfahren eingesetzt.«

Dann kommt ein Passus, den Sie bitte genau lesen vor dem Hintergrund der Frage, ob man das nicht auch kritisch sehen kann, was Diekmann uns hier erläutert:

»Im Unterschied zur Nationalen Kohorte müsste eine Corona-Erhebung ohne direkten Kontakt erfolgen. Die Interviews könnten telefonisch, schriftlich oder online unternommen werden („mixed methods“ heißt es in der Sozialforschung). Die Tests sind nicht invasiv; man hat genügend Erfahrung, sie ohne Ansteckungsgefahr durchzuführen. Da der Anteil der Infizierten in der Bevölkerung vermutlich noch relativ gering ist, benötigte man eine ziemlich große Stichprobe mit einem Umfang von mindestens 10.000 Personen. So könnte man die tatsächliche Verbreitung der Epidemie, die „Prävalenz“ der Infektionen, und damit auch die Dunkelziffer hochrechnen. Dass dabei strenge Datenschutzauflagen erfüllt werden müssen, versteht sich von selbst.«

Wir werden diese Frage am Anfang unserer ersten Seminarsitzung am kommenden Dienstag, die über Zoom im virtuellen Raum stattfinden wird, wieder aufrufen.